Ein verführerischer Fake

Berlinale Special: In Safy Nebbous Film „Celle que vous croyez“ spielt Juliette Binoche eine 50-jährige Literaturprofessorin, die sich über Facebook einen Jüngeren angelt – das klingt seichter, als es ist.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Irgendwann wird das grüne Licht für Claire wie zu einer Droge. Jenes grüne Licht, das ihr zeigt, dass Alex online ist. Seit einer Weile schreibt sie mit ihm auf Facebook, seit einer Weile vereinnahmt sie das erregende Gefühl einer neuen Nachricht von ihm. Seit einer Weile ist sie verliebt in einen Menschen, den sie nicht kennt und der sie nicht kennt. Claires Facebook-Flirt ist Mitte 20. Sie ist 50. Er denkt, sie sei 24.

Liebe ist, in der Vorstellung einer anderen Person zu leben, schrieb Michelangelo Antonioni einmal. Der Satz könnte nicht treffender sein für Safy Nebbous Drama „Celle que vous croyez“, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Camille Laurens, auf Deutsch übersetzt etwa „Die, für die du mich hältst“. Die Liebe, um die es Nebbou in seinem Film geht, ist die der Illusion. Die Liebe gedeiht hier in einem künstlichen Raum wie dem der sozialen Netzwerke, sie ist ein Gefühl, das eng mit dem Wunsch nach Bestätigung verbunden ist und der Sehnsucht danach, begehrt zu werden.

Juliette Binoche spielt Claire, und sie sieht so gut aus, dass es anfangs schwer fällt zu glauben, diese Frau könne sich tatsächlich ungeliebt und alt fühlen. Claire ist Literaturprofessorin, lebt mit ihren zwei pubertären Söhnen in einer schicken Penthouse-Wohnung in einer urbanen Pariser Hochhaussiedlung mit verglasten Fassaden. Sie ist geschieden, ihr Ex-Mann lebt schon lange mit einer anderen – jüngeren! – Frau zusammen. Eine der ersten Szenen zeigt Claire beim nächtlichen Sex mit dem – jüngeren! – Lover Ludo. Er drückt sie gegen die Glaswand ihrer Wohnung, die Körper spiegeln sich darin, die Lichter der Stadt schimmern durch. Claire wirkt erfüllt. Und doch nimmt sie Gesprächsstunden bei einer Psychologin.

Diese Therapiesitzungen bilden eine Rahmenerzählung, ein ganz entscheidender dramaturgischer Kniff. Er macht aus dem Film mehr als ein nettes, seichtes Liebesdrama über eine Frau in der Midlife-Crisis, was er zu Beginn zu werden droht. Claire erzählt in den Sitzungen davon, wie und warum sie auf Facebook ihre Liebe zu Alex fand, der von François Civil gespielt wird. Nebbou wird sich im Laufe der knapp zwei Stunden stilistischer Mittel bedienen, die rechtfertigen, warum Claire bei dieser Psychologin sitzt.

Lover Ludo serviert Claire nach der gemeinsamen Nacht ab und düst zu seinem Kumpel Alex, ein Fotograf, den Claire beginnt auf Facebook zu stalken. Sie zögert kurz, dann legt sie sich einen neuen Account an mit dem charismatischen Namen Clara Antunès. Geburtsjahr 1993. Ein Klick, und die Freundschaftsanfrage ist raus. Ein paar Likes, und der Fisch hat angebissen. Es folgen nächtliche Chats, stundenlang. Es sind witzige, charmante, neckende Worte, die sie sich hin- und herschicken. Alex scherzt darüber, dass Claire keine Ahnung hat, was Instagram ist, sie scherzt, sie habe noch „keinen Plan“, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, „ich bin ja noch jung“. Wüsste er, dass am anderen Bildschirm keine 24-Jährige mit Engelslocken sitzt, sondern eine 50-jährige Zweifach-Mutter, dann … ja, was dann?

Claire verwickelt sich immer tiefer in die Lüge ihrer zweiten Identität, so tief, dass es unmöglich für sie wird, diese virtuelle Affäre zu beenden. Längst hat sie sich in diesen jungen Mann verliebt, längst hat sie auch sein Begehren mit ihren Worten und dem Fake-Profilbild ergattert. Aus den Chats werden Telefonate, Claire mit Handy am und Stöpseln im Ohr zu sehen wird zur Gewohnheit, ob in der Bibliothek, beim Einkaufen, im Auto. Sie dreht ein paar Extra-Runden auf dem Schulparkplatz, nur um länger Alex’ Stimme zu hören, während die Söhne glotzend ein paar Meter weiter stehen und warten. Claires jugendliche Verliebtheit ist sympathisch und naiv zugleich, vor allem aber hoffnungslos egoistisch und auch tragisch.

Denn immer dann, wenn Alex darauf besteht, sie zu treffen, versetzt sie ihn. Und hier kommt die Rahmenhandlung der Therapie ins Spiel. Nebbou öffnet nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch einen Raum der Illusion, in dem nicht mehr klar unterschieden werden kann zwischen dem, was wahr ist und was nicht vom dem, was Claire ihrer Therapeutin erzählt. Hier lässt sich Nebbou vom Rashomon-Effekt inspirieren und bringt mehrere, sich widersprechende Perspektiven ins Geschehen. Das kommt zwar unerwartet, ist aber sehr klug und schlüssig in die Geschichte verwoben, und so gelangen Ebenen ins Spiel, die Claires Liebesdilemma zwischen Realität und Illusion formal widerspiegeln.

Die Liebe in diesem Film gründet auf einer Illusion, aber die Gefühle der beiden Menschen sind dadurch nicht weniger ernst zu nehmen ist als die, die sich unter realen Umständen – ohne Lügen, ohne Virtualität – entwickeln. Auch der Film ist eine Illusion. Eine schöne. Schöner manchmal als die Realität.

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