It’s better to burn out, than to fade away

Pia Hallenthals Dokumentarfilm „Searching Eva“, der auf der Berlinale in der Reihe Panorama Dokumente zu sehen ist, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Leben bis ins Intimste im Internet zur Schau stellt. Damit zeigt sie ihren Followern vor allem eines: Keine Frau muss angenehm sein.

Von David Pablo Bücheler

Von David Pablo Bücheler

Von David Pablo Bücheler

David Pablo Bücheler

In der letzten Szene des Films „Searching Eva“ sitzt Eva auf dem Boden eines Wohnzimmers. In ihrer Hand hält sie eine riesige Wunderkerze, die bald abgebrannt sein wird. Diese Szene des Dokumentarfilms ist natürlich inszeniert – aber sie bebildert, was Evas Lebensmotto zu sein scheint: Hell erglühen und verbrennen.

Ihren Selbstmord hat die Frau online bereits mehrfach angekündigt. Eva Collé bezeichnet sich selbst als Sex Workerin, Model, Autorin, Anarchistin und Feministin. Sie ist drogenabhängig, trägt eine schwere Vergangenheit mit sich herum, ist mehrfach vergewaltigt worden. Irgendwann hat Eva beschlossen, auf jeden Fall Schluss mit ihrem bisherigen Leben zu machen, das so trist in verarmten Verhältnissen und mit einer drogenabhängigen Mutter in Norditalien begonnen hatte.

Eva hat sich im Internet neu erfunden und inszeniert seither ihr Leben als Sex Workerin, ihr Lieben und ihre Laster vor der ganzen Welt. Ein unangepasstes Leben führt diese junge Frau mit feinen Gesichtszügen und einem schlanken und grazilen Körper, einer Schönheit, mit der sie in den Augen vieler Follower viel zu verschwenderisch umgeht. Aber sie habe nun einmal mehr Spaß an einem Blowjob als an einem Bürojob, wie sie sagt. Ihre Follower lieben und verachten sie gleichermaßen.

Deren Kommentare werden im Film immer wieder eingeblendet. Sie gehören zu Evas Leben. Die Regisseurin Pia Hellenthal hat Eva Collé über drei Jahre hinweg begleitet. Herausgekommen ist dabei ein beeindruckendes Portrait einer jungen Frau, die manchmal von überschäumender Gier nach Leben, Sinnlichkeit und Liebe getrieben ist, deren Lebensmut in anderen Phasen aber komplett versiegt zu sein scheint.

Hellenthal zeigt mit ihrer Kamera beide Seiten – weil Eva es zulässt. Die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem verwischen dabei auf ganz natürliche Weise. Die Inszenierung ist Teil von Evas Alltag. Pia Hellenthal dokumentiert aber auch ein Leben in ständiger Rastlosigkeit. Eva ist immer auf dem Sprung: vom Modeljob zum Set zum Freier. Von Melbourne nach Berlin nach Norditalien. Von Tristesse zu Glückseligkeit.

Eva Collés Leben ist etwas Besonderes in der Welt von Instagram und Co. Einer Welt, die klassische Rollenbilder oft eher stärkt als hinterfragt. Hellenthals „Searching Eva“ fordert den Zuschauer heraus, sich mit Evas öffentlicher Inszenierung auseinanderzusetzen. Überschreitet der Film die Grenzen zum Voyeurismus? Wäre nicht eher professionelle Hilfe für diese Frau angebracht? Ohne Internet würde es diesen Film und Evas Leben in dieser Form nicht geben. Das macht „Searching Eva“ zu einer hochaktuellen Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit der Generation Y.

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