Fluchtpoesien

In drei Wettbewerbsbeiträgen der Berlinale 2019 geht es um Fluchtfantasien und Fluchtrealitäten: „Répertoire des villes disparues“ von Denis Côté, „Kīz Kardeşler“ von Emin Alper und „Synonyms“ von Nadav Lapid. Ein kanadischer, ein türkischer und ein israelischer Blick auf die ungeliebte geliebte Heimat. Letzterer gewinnt den Goldenen Bären.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Die junge Frau schwebt nicht in der Luft, sie steht. Steif und regungslos, mit gesenktem Kopf im schneeweißen Himmel, als hätte man sie so ins Bild geklebt. Hier liegt nichts ferner als der Anspruch, ein metaphysisches Phänomen wie das Treiben im Himmel naturalistisch zu inszenieren. Der erste Impuls, abschätzig zu lachen über diesen künstlichen Anblick, wird jedoch verdrängt von dem Gefühl des Unheimlichen, das dieser Szene anhaftet. Das Unheimliche schwingt seit Beginn des Films „Répertoire des villes disparues“ von Denis Côté mit, legt sich wie ein Schleier über das verschneite Dorf in Québec. Das fängt schon bei der Entscheidung an, auf 16mm-Film zu drehen. Statische und körnige Aufnahmen in dämmernder, verlassener Schneelandschaft hüllen die Bilder in einen Mantel des Verzerrten, aus der Zeit Entrückten.

Côté und sein Kameramann François Messier-Rheault zeigen eine menschenleere Gegend, wenige Sekunden, bevor ein Auto auf der Straße die Handbremse zieht und mit quietschenden Reifen abseits in den Schnee rast und an einem Baum zerschellt. Das Dorf mit dem Namen Irénée-les-Neiges hatte 215 Einwohner. Jetzt nur noch 214. Die Gemeinde trauert um den verunglückten Autofahrer, der noch jung war und eine Mutter und einen Bruder hinterlässt. Doch über mögliche Ursachen seines Unfalls spricht keiner.

Überhaupt schweigen diese Dorfmenschen sehr viel und vegetieren vor sich hin, sie lachen nie, sehen immer traurig aus und sind von einer schrecklich anstrengenden Lethargie ergriffen. Dieses Dorf ist öde, man möchte hier nicht wohnen, viele der Bewohner selbst wollen hier nicht mehr wohnen, erst recht nicht, als plötzlich merkwürdige Gestalten aus den Gebüschen treten, auf den Feldern auftauchen, durch die Fenster in Häuser starren oder auf der Straße den Weg versperren.

Sie tragen Masken und stehen einfach nur steif und regungslos da, so wie die junge Frau, die wie eine Tote in der Luft steht, ohne dass es einen plausiblen Grund dafür gäbe. Denis Côté entscheidet sich dagegen zu erklären. Wer diese Fremdlinge sind? Weiß man nicht. Warum die Frau in der Luft steht? Weiß man nicht. Eigentlich weiß man nichts. Man setzt sich 90 Minuten einem rätselhaften Schlund an sonderbaren, unergründlichen und gerade deshalb unheimlichen Begebenheiten aus. Und das hat einen ganz eigenartigen Sog, nicht narrativer, sondern poetischer Natur. Wie der Tod des Autofahrers, die ermatteten Bürger in ihrer grässlich-bemitleidenswerten Abgeschiedenheit und die totengleichen, maskierten Körper zusammenhängen – das bleiben Versatzstücke, die in eine Metapher – womöglich – über die Unzufriedenheit der Dörfler und ihre Isolation von der Welt und dem Fremden mündet.

Sozialdrama im Märchenlook

Ähnlich abgeschnitten wie die Bewohner in Irénée-les-Neiges sind die Figuren in Emin Alpers Film „Kīz Kardeşler“. Irgendwo in den anatolischen Bergen lugen die Spitzen von vielleicht fünf Hausdächern hervor. Hier kommen drei Töchter mit ihrem Vater unter einem Dach zusammen, nachdem er sie an so etwas wie Pflegefamilien, in der Türkei „besleme“ genannt, vermittelt hat.

Doch die Älteste bekam ein uneheliches Kind und kehrte zurück, woraufhin der Vater sie schnell mit einem frustrierten, im Dorf unbeliebten Ziegenhüter verheiratete. Auch die beiden Jüngsten – etwa elf und sechzehn Jahre alt – trieb es zurück in die väterliche Obhut. Und der Film beginnt damit, wie sie vereint am Feuer sitzen, Couscous essen und sich all das erzählen. Sie erzählen und erzählen und hören nicht auf damit.

Der Regisseur Emin Alper zeigt nichts von dem, worüber sie sprechen. Es ist nicht so, dass er auf billige Rückblenden hätte zurückgreifen müssen, aber ein wenig mehr Spielraum statt Diskurs hätte man sich doch gewünscht. Vor allem, weil Alper ein wunderbares Bildkonzept entwickelt hat, viel mit schummerigem Licht wie in den Gemälden Italienischer Meister arbeitet. Kerzenlicht, loderndes Feuer und Glühlampen tunken die Darsteller in einen warmen, flackernden Schein, es ist eine perfekt ausgeleuchtete Szenerie, die der Geschichte eine märchenhafte Atmosphäre einhaucht.

Doch das Potential der Bildsprache nutzt Alper nicht inhaltlich. Er zwingt seine Zuschauer, zuzuhören statt zuzusehen, er drängt sie wie die Schwestern in das Häuslein des Vaters und ermüdet mit den vielen Worten, die irgendwann beginnen, redundant zu werden. Ihr Leben deprimiert die tragischen Heldinnen, und obwohl sie Unterschlupf beim Vater haben, möchten sie eigentlich so schnell wie möglich wieder weg. Das hat man schnell verstanden, der Film aber kreist zwei Stunden lang um die Frustration der Schwester und des armen Ziegenhirten. 

Triebhafte Sprachaneignung

Ähnlich starke Fluchtgefühle bekümmern auch den Protagonisten in „Synonyms“ von Nadav Lapid. Der etwa 30-jährige Yoav ist aus Israel geflohen, möchte das Land, die Kultur, die Sprache hinter sich lassen und Franzose werden, weswegen er immer mit einem Wörterbuch in der Hand durch die Pariser Straßen streunt.

Lapids „Synonyms“ ist ein autobiografisch geprägter Film über den Versuch einer Integration. Doch er nimmt einen derart suspekten Handlungsverlauf an, dass man irgendwann unbefriedigt im Sitz versinkt und dem eigentlich sehr talentierten Tom Mercier dabei zusehen muss, wie er als Yoav versucht, dem Film Sympathie und Farbe zu schenken. Das Drehbuch hat zu viele Ungereimtheiten, zu viele ungeklärte Fragen, lässt den Zuschauer auf halber Strecke in Rätseln zurück darüber, was Yoav eigentlich will. Figuren tauchen auf und kehren nicht wieder, und eine Dreiecksgeschichte gewinnt Dominanz, ohne dass die Motive der Beteiligten zu durchdringen sind. Das ist vor allem schade um den Hauptdarsteller Mercier, der nicht nur lernte, fließend Französisch zu sprechen, sondern sich noch dazu mit nacktem Körpereinsatz ganz in die Rolle schmeißt.

Geliebte ungeliebte Heimat – in allen drei Filmen ein Dilemma, das bei dem subtilsten Film am stärksten hervorsticht: dem ganz eigenartig-faszinierend trunkenem „Répertoire des villes disparues“.

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