Julie ist Schuld

In der Panorama-Sektion der Berlinale läuft „The Souvenir“. Darin erforscht die britische Regisseurin Joanna Hogg eine toxische Beziehung zwischen zwei ungleichen Menschen in privilegierter Umgebung.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

Julie (Honor Swinton Byrne) studiert an der Filmhochschule in Sunderland. Sie ist jung, Mitte 20, sieht gut aus und kommt aus einem reichen Elternhaus. Sie hat eine Vision für ihr Projekt. Ein richtiger Spielfilm soll es werden, keine Dokumentation. Sie ist lebensfroh und lächelt sehr viel. Doch je mehr Zeit sie mit Anthony (Tom Burke) verbringt, desto weniger Lächeln ist auf ihren Lippen zu finden.

Anthony ist ein Schnösel, vermutlich auch in reichen Verhältnissen aufgewachsen. Er ist etwa fünf bis zehn Jahre älter als Julie, hat zwei ungleich große Augen und Nasenlöcher, die Oberlippe ist unförmig. Er vertreibt sich die Zeit mit Heroin-Trips und purer Arroganz. Sein Blick, seine Worte, seine Körperhaltung, alles ist geprägt durch dauerhaftes Desinteresse.

Die zwei Hauptpersonen gehen eine merkwürdige Beziehung ein, von der ausschließlich Anthony profitiert. Der nutzt nämlich Julie nach Strich und Faden aus und belügt sie, wo er nur kann. Von seiner Heroinsucht erzählt er nichts. Er leiht sich dauerhaft Geld ohne Absicht auf Rückzahlung. Hotelaufenthalte oder Rechnungen im Restaurant lässt er von ihr bezahlen. Er klaut ihr Schmuck und Geld und stellt Unbekannte als Diebe hin: „They took everything“. Julie behandelt er wie ein Stück Dreck: „Youʼre not normal at all. Youʼre a freak. Youʼre lost and youʼll always be lost“, solche Sachen wirft er ihr an den Kopf.

Das große Geheimnis, das die Regisseurin Joanna Hogg in „The Souvenir“ erforscht, ist, warum Julie sich all das gefallen lässt. Warum sie mitspielt und Anthony nicht verlässt. Dieser überschreitet von Mal zu Mal mehr Grenzen. Sein ignorantes, egoistisches Verhalten steigert sich, weil auch er merkt, mit was allem er bei ihr durchkommt.

Eine Begründung sucht der Film in Julies Charakter. Die junge Frau ist Naivität, Leichtgläubigkeit und Hilfsbereitschaft in Person. Als sie die Einstichstellen an seinem Arm entdeckt, gibt sie sich mit der Antwort zufrieden, er habe sich verletzt. Als bei einem Abendessen mit einem befreundeten Pärchen die Nachfrage kommt, wie sie es mit ihm als Heroinsüchtigen aushalte, fällt sie aus allen Wolken, verteidigt ihn und möchte es gar nicht glauben. Sie leiht sich dauerhaft Geld von ihrer Mutter, nur um dieses direkt weiterzugeben an Anthony. Tochter und Mutter werden in „The Souvenir“ übrigens von Tilda Swinton und ihrer Tochter Honor Swinton Byrne gespielt. Deren Vertrautheit trägt viel zur Natürlichkeit des Films bei.

Die toxische Beziehung zu Anthony führt schließlich dazu, dass Julie kaum noch Zeit an der Filmhochschule verbringt, wo sie sich genauso wenig durchsetzen kann. Die Arbeit am Set leiten stattdessen der Kameramann und die Hair-Stylistin, während sie am Telefon hängt und mit dem Geliebten plaudert. Für alle Fehltritte, die Anthony sich leistet, schafft er es irgendwie, Julie verantwortlich zu machen. Und die nimmt das einfach so hin und entschuldigt sich letztendlich jedes Mal bei ihm. Man möchte sie am liebsten durchschütteln und ihr zurufen, sie solle endlich die Augen aufmachen.

Durch den Film wird man vor allem durch die Charaktere geleitet. Eine Handlung gibt es nicht. Kein Finale, auf das alles von Beginn an zusteuert. „The Souvenir“ ist eine Aneinanderreihung von Szenen, die dem Zweck dienen, die Charaktere zu erforschen. Damit macht der Film es dem Zuschauer alles andere als leicht. Die harten Schnitte führen zu ruckhaften Übergangen, als Zuschauer wird man regelrecht durch den Film geworfen.

Es gibt diese Filme, über die man im Nachhinein noch viel nachdenken muss. Denen man später einiges abgewinnen kann. Die aber während des Anschauens einfach keinen Spaß machen wollen. „The Souvenir“ ist genau ein solcher Film. Als nach gefühlt endlosen zwei Stunden Charakterstudie der Abspann durchgelaufen ist, erscheint eine Einblendung: „The Souvenir Part II – Coming Soon“. Jubelstürme? Fehlanzeige. Tiefes Durchatmen.

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