Im Kampf gegen sich selbst

Jordan Peele schickt in „Us“, seinem zweiten Film als Regisseur und Autor, eine afro-amerikanische Familie in einen Überlebenskampf mit ihren Doppelgängern.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

„Get Out“ war 2017 Gesprächsthema bei Filmfans. Gab es überhaupt Zuschauer oder Kritiker, die Jordan Peeles Regiedebüt nicht mochten? Natürlich gab es sie. Allerdings war es meist so, dass diese Kinobesucher dem Genre Horror generell eher wenig abgewinnen können und den Film deshalb verschmähten.

Wer „Get Out“ nicht mochte, weil er Horror nicht mag, der wird Peeles zweiten Film als Regisseur genauso wenig ins Herz schließen. Wer allerdings „Get Out“ wegen des intelligenten Drehbuchs und der Art der Inszenierung schätzt, der wird an „Us“ wieder seine Freude haben.

Die Erwartungshaltung an den Film jedenfalls könnte kaum höher sein. Ganz anders 2017, als niemand damit rechnete, dass der dem Genre Horror zugeordnete Film „Get Out“ im Frühjahr darauf den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewinnen würde. Ein Überraschungserfolg wird „Us“ also nicht werden. Womöglich aber ein neuerlicher Erfolg für Peele.

Jordan Peele, der wieder alleine verantwortlich für Drehbuch und Regie ist, beginnt mit der Handlung im Jahr 1986. Die junge Adelaide (Madison Curry) ist mit ihren Eltern in einem Freizeitpark in Santa Cruz. In einem unbeobachteten Moment stiehlt sie sich davon und landet in einem Grusel-Spiegelkabinett. Im Dunkeln irrt sie darin umher, umgeben von den eigenen Spiegelbildern. Sie fängt aus Angst an zu pfeifen, bis plötzlich jemand zurückpfeift. Als ein Abbild kein Spiegelbild sein kann, da es sie nicht anschaut, sondern mit dem Rücken zu ihr steht, hält man die Luft an. Peele treibt die Spannung auf die Spitze. Das Spiegelbild dreht sich langsam um, Adelaide reißt geschockt die Augen weit auf. Der Auegenblick eines Kindheitstraumas. Dann bietet der Film erst mal einen Moment zum Durchatmen.

Schon früh wird deutlich, dass Jordan Peele eine klare Vision für den Film hat. Das Spiel mit Spiegelungen wird durchgezogen. Ein Mann hält eine Pappe hoch. Darauf: „Jeremiah II:II“. Dass die römische Ziffer durch den Doppelpunkt gespiegelt wird, ist kein Zufall. Dass später auf einem Wecker die Uhrzeit 11:11 zu sehen ist, genauso wenig. In der zugehörigen Bibelstelle heißt es: „Darum siehe, spricht der Herr, ich will ein Unglück über sie gehen lassen, dem sie nicht sollen entgehen können; und wenn sie zu mir Schreien, will ich sie nicht hören.“ Peele streut viele kleine Hinweise und versteckte Botschaften ein, die nur bei genauem oder mehrmaligem Hinsehen auffallen.

Nach einem Zeitsprung macht die mittlerweile erwachsene Adelaide Wilson (Lupita Nyongʼo) mit ihrem Mann Gabe (Winston Duke) und ihren zwei Kindern Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) Urlaub in der Nähe von Santa Cruz, dem Ort ihres Kindheitstraumas.

Als an einem Abend Jason zu seinen Eltern sagt: „There is a family in our driveway“, beginnt der Horror. Familie Wilson sieht sich plötzlich mit den eigenen Doppelgängern konfrontiert. Sohn Jason bringt es auf den Punkt: „Itʼs us.“ Messen muss sich zu Beginn jeder mit der eigenen Spiegelversion, die zwar genauso aussieht, aber nur animalische Laute von sich geben kann. Einzig Adelaides Doppelgängerin kann unter großer Mühe mit leiser, krächzender Stimme Worte hervorbringen. Es klingt wie ein gedrücktes Hauchen, eine gruselige Qual für die Ohren. Lupita Nyongʼo liefert dabei in ihrer Doppelrolle eine doppelt grandiose Performance ab. Einerseits als furchteinflößende, sich ruckartig bewegende Kopie, die ungesunde Körperhaltungen einnimmt, die Augen weit aufgerissen, der Mund stets ein Stück offen. Und andererseits als taffe Frau, die zwar mit sich selbst und ihrem Trauma kämpft, aber Verantwortung für ihre Familie übernimmt. In Szenen mit Winston Duke wird Jordan Peeles Comedy-Ursprung deutlich. Duke spielt den Familienvater Gabe Wilson mit viel Charme und Humor. Schon in „Black Panther“ war seine Figur MʼBaku sehr humorvoll angelegt. Wie bereits in „Get Out“ funktioniert Peeles subtiler Humor im Horrormantel sehr gut. Zugleich überzeugt Winston Duke ebenso als bedrohliche Kopie mit einer ungeheuren Physis und einem irren, düsteren Blick, bei dem man jeden Augenkontakt zwingend vermeiden möchte.

„Us“ beginnt als starker Horrorfilm, wird aber mit fortschreitender Laufzeit viel mehr zu einem Endzeit-Thriller. Denn die Kopien beschränken sich nicht auf die Wilsons. Überall in den USA werden Menschen von ihren Doppelgängern gejagt und ermordet. Es ist auch sicherlich kein Zufall, dass die Tatwaffen der Doppelgänger, wie schon auf den Filmplakaten zu sehen ist, Scheren und keine Messer sind. Scheren bestehen aus zwei optisch gleichen Seiten.

So irre die gesamte Idee um die mordenden Doppelgänger klingen mag, wirkt die Bedrohung trotzdem fassbar, und die Charaktere werden so eingeführt, dass der Zuschauer sich um sie sorgt. Da jeder gegen die eigene Kopie antreten muss, ist ein stets spannendes Messen auf Augenhöhe möglich. Durch starke Parallelmontagen erzeugt Nicholas Monsours Filmschnitt ein unglaublich intensives Tempo. Michael Abels untermalt den Horror auf der Leinwand mit passender gruseliger und mysteriöser Musik. Direkt zu Beginn des Films sorgt ein Lied mit Trommeln, Glockenklängen und abgehacktem Gesang dafür, dass die Stimmung des Filmes gut gesetzt wird.

Die Erklärung, wie alles funktioniert und wer genau für die Doppelgänger verantwortlich ist, bleibt sehr lückenhaft. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, vermutlich einige auch gewollt. „Us“ beweist, dass „Get Out“ für Jordan Peele kein Ausnahmeerfolg war.

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