Gefangen im All

In „High Life“, dem ersten englischsprachigen Film der französischen Regisseurin Claire Denis, wird ein Raumschiff auf die Reise zu einem schwarzen Loch geschickt. Der Plan: Energie gewinnen. Die Crew: untypisch.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Ins All werden perfekt ausgebildete Astronauten geschickt. Forscher, Wissenschaftler, Experten in ihren Bereichen. Nur die Besten der Besten. Nicht so im neuen Film von Claire Denis. Hier werden die Übelsten der Üblen auf die Reise gesandt. Männer und Frauen, die ihr Leben verspielt haben, bekommen durch die achtjährige Raumfahrtmission eine zweite Chance. Das Ziel: ein schwarzes Loch, aus dem Energie gewonnen werden soll. Diese Crew aus Schwerverbrechern, darunter Vergewaltiger und Kindesmörder, scheint aber nicht die zuverlässigste Variante zu sein, um die Mission zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Im Zentrum der Weltraum-Odyssee steht der von Robert Pattinson gespielte Monte. Dieser befindet sich zusammen nur mit einem Baby, seiner Tochter, auf dem Raumschiff. Niemand sonst scheint da zu sein. Leere Gänge, einsame Vater-Tochter-Zweisamkeit, absolute Isolation. Wo ist die Mutter? Was ist an Bord dieses Raumschiffes geschehen? Antworten bekommt der Zuschauer erst nach und nach.

Die Szenen zwischen Monte und seiner Tochter Willow zu Beginn des Films sind intensiv und berührend. Claire Denis geht hier sehr feinfühlig vor, gibt Robert Pattinson die Chance, glänzen zu können. Dieser kümmert sich mit einer solchen Liebe und Fürsorge um seine kleine Tochter, dass man sich später im Film sehnsüchtig an den Anfang zurückwünscht. Die Rückblenden zeigen nämlich, wie es dazu kommen konnte, dass scheinbar nur Monte und Willow übriggeblieben sind.

Diese Aufklärung gestaltet sich oftmals unvorhersehbar, die Zuschauer werden häufig überrascht. Juliette Binoche spielt die Ärztin des Raumschiffes, die sich um die Besatzung kümmert. Auch ihre Motive sind unbekannt, der Charakter ist geheimnisvoll. Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger ist als Crew-Captain in einer kleinen Nebenrolle zu sehen und die von Mia Goth verkörperte Boyse nimmt noch eine wichtige Rolle ein. Der Rest der rund zehnköpfigen Crew bleibt im Hintergrund, man erfährt wenig über sie.

Um missbräuchlichen Übergriffen auf dem Raumschiff entgegenzuwirken, ist eine so genannte „Fuck Box” eingebaut worden. In diesem Raum der sexuellen Fantasie können die Crew-Mitglieder sich alleine sexuell verausgaben. Claire Denis spart nicht daran, den Zuschauern diesen Raum der sexuellen Lust visuell näher zu bringen.

Die depressive, einsame Atmosphäre, die der Film zu Beginn vermittelt (der das Ende dieser Geschichte zeigt), ändert sich nicht durch mehr Figuren oder deren sexuelle Aktivitäten. Auch zu Beginn der Mission war wenig in Ordnung. Tägliche Berichte sind notwendig, damit das Lebenserhaltungssystem aktiv bleibt. Aus den ehemaligen Häftlingen sind durch das Raumfahrtprogramm nicht über Nacht vorbildliche Astronauten geworden. Und die scheinbar nettesten Menschen an Bord könnten die schlimmsten Taten begangen haben.

„High Life“ vermittelt das spannende Bild einer Raumfahrtmission, wie man es bisher noch nicht gesehen hat. Einzelne Charaktere wachsen dem Zuschauer ans Herz, und eine starke Performance von Robert Pattinson führt dazu, dass man sich schnell auf die Seite von Monte schlägt. Es bleiben allerdings auch viele Fragen offen, das Potential wird nicht komplett ausgeschöpft und bei 110 Minuten Laufzeit gibt es einige Längen.

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