Play it again, Simba!

Disney verfolgt weiterhin die Strategie: „Remake yourself“. Mit „The Lion King“ kommt dieses Jahr bereits das dritte Remake eines hausinternen Zeichentrick-Klassikers ins Kino. In „Dumbo“ und „Aladdin“ gab es durchaus signifikante Änderungen. Und bei der Löwen-Geschichte?

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Die Sonne geht auf über Pride Land. Die afrikanische Savanne wird in rotgelbes Licht getaucht. Dazu die ikonische Musik: „Naaaaaaaaaaants ingonyaaaaaaama bagithi Babaaaa.“ Von überall machen sich Tiere auf den Weg. Elefanten, Giraffen, Vögel, Antilopen, Erdmännchen. Jeder will sehen, was dort geschieht am Pride Rock. Jeder will sehen, wie der zukünftige König präsentiert wird. Der Affe Rafiki streicht rote Farbe über Simbas Stirn und hält den jungen Löwen in die Höhe. Von der Spitze des Pride Rock sieht der kleine, neugeborene Simba über das Land, das er später regieren soll. Von unten jubeln ihm die Tiere zu, der Himmel reißt auf, die Sonnenstrahlen lassen Simba im Spotlight erstrahlen. Seine Untertanen, wild und ausgelassen im Jubel, werden ruhig und verbeugen sich vor ihm. „On the path unwinding. In the circle, the circle of life“ ertönt die Musik dazu, die mit einem Schlag verstummt. Es erscheinen große Buchstaben auf der Leinwand: „The Lion King“.

All das trifft genau so sowohl auf den 1994er-Zeichentrick-Film wie auf das 2019er-Remake des Regisseurs Jon Favreau zu. Disney kopiert die Anfangssequenz eins zu eins. Die gleichen Einstellungen, die gleiche Musik, die gleichen Tiere, die gleiche Dinge tun. Einziger Unterschied: 2019 ist der Film nicht mehr Zeichentrick, sondern fotorealistisch computeranimiert.

Und wer nach der Anfangssequenz denkt: „Was für eine schöne Idee, den Anfang genauso zu gestalten wie beim Original“, muss schnell feststellen, dass Disney diese Idee nicht nur für die erste Szene hatte.

Es kommt der Moment, an dem man sich als Kenner des Zeichentrickfilms anfängt zu langweilen. Man wartet sehnlichst darauf, dass irgendetwas anders ist. Aber das traut sich Disney nicht. Ihr Gedanke war wohl: Der 1994er-Film war doch perfekt, warum irgendetwas anders machen? Und so plätschert die bekannte Handlung von „The Lion King“ (2019) vor sich hin, während man sich an der atemberaubenden Computeranimation erfreuen kann. In dieser Hinsicht hat das Team um den dreifachen Oscargewinner Robert Legato, der schon 2016 mit dem Regisseur Jon Favreau an „The Jungle Book“ gearbeitet hatte, sein Meisterstück abgeliefert. Die Haut und Haare der Tiere, das Spiel mit Licht und Schatten und der enorme Detailreichtum können zuweilen vom Ärger über das freche Plagiat ablenken. Kaum zu glauben, dass die Tiere am Computer entwickelt wurden. Würde man Aufnahmen von „The Lion King“ und einer Naturdokumentation über die afrikanische Savanne nebeneinanderlegen, wäre kaum zu unterscheiden, was davon echt aufgenommen und was mit visuellen Effekten entstanden ist.

Aber auch die Voice-Performances der Sprecher überzeugen. Vor allem das Casting des britischen Late-Night-Hosts John Oliver als Vogel Zazu, der treue Berater des Königs Mufasa und Aufpasser für Simba, passt perfekt. John Oliver hatte schon Jahre vor seinem Casting wiederholt damit kokettiert, dass er aussehe wie Zazu aus dem Zeichentrickfilm. Der sprachliche Witz, den er auf seine Rolle überträgt, fügt sich perfekt zusammen mit seinem öffentlichen Bild als humorvoller Moderator von „Last Week Tonight with John Oliver“.

Während die Hyänen und auch der Böse-Onkel-Löwe Scar um einiges bedrohlicher wirken, was sowohl an der Animation als auch den Sprechern liegt, hellt sich die Stimmung auf, als Timon und Pumba ab der Hälfte des Films die Leinwand betreten. „Hakuna Matata“, denkt man sich plötzlich auch als Zuschauer. Die „problem-free philosophy“ des Duos steckt an. Seth Rogen spricht Warzenschwein Pumba, Billy Eichner Erdmännchen Timon. Auch wenn das Meiste kopiert ist, gibt es hier die höchste Dichte an neuem Material. Ein paar One-Liner-Witze wurden dem bekannten Drehbuch hinzugefügt und auch der visuelle Slapstick-Humor funktioniert.

Wenn Timon an einer Stelle als Ablenkung den Hyänen Pumba als Mahlzeit präsentiert und ansetzt, „Be our Guest“ aus „Beauty and the Beast“ zu singen, muss man unweigerlich lachen. Leider gehören solche, kreativ vom Original abweichende Szenen zu den Ausnahmen, die man nach dem Film an zwei Händen abzählen kann.

Und so wird vor allem Spaß an der Neuauflage haben, wer das Gefühl noch verinnerlicht hat, das Zeichentrick-Original aber nicht mehr präsent hat. „The Lion King“ (2019) ist einfach nur eine teure, aufwendig produzierte und grandios umgesetzte Kopie ohne Originalität.

Lohnt es sich bei Remakes und Sequels häufig, kurz vorher nochmal das Original gesehen zu haben, um Unterschiede und Verweise zu verstehen, sollte man hier deutlich davon absehen, um den neuen Film genießen zu können. Sonst schaut man irgendwie den gleichen Film zweimal hintereinander.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok