Zu viel von allem!

Die Tage in der Isolation sorgen für ein Übermaß an Kultur – von überall streamen Künstler und Kulturhäuser derzeit. Aber wer soll das alles eigentlich schauen, lesen und hören?

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Das Internet quillt über. Nicht erst seit drei Wochen. Aber die Vielzahl an Möglichkeiten der Unterhaltung und des Kulturgenusses, die bedingt durch Corona im Netz vorhanden ist, lässt einen überfordert zurück. Kulturinstitutionen und Künstler, die bislang auf die physische Begegnung von Kunst und Publikum angewiesen waren, suchen momentan notgedrungen nach neuen Formen der Präsentation. Die eigene Wohnung wird zum Kulturparadies. Das Ergebnis ist ein Kampf um Aufmerksamkeit, der eine neue Qualität erreicht.

Das Streamen von Filmen und Serien ist seit Jahren schon zum Standard des häuslichen Zeitvertreibs geworden. Streaming-Abonnenten kennen die quälende Frage: Was soll ich anschauen? Die Auswahl ist nahezu unbegrenzt. Laut der Online-Plattform werstreamt.es bietet alleine Netflix aktuell 2790 Filme und 1444 Serien an. Dazu kommen noch Amazon Prime, Apple TV+, Sky, Joyn und wie sie alle heißen. Vor zwei Wochen kam Disney+ hinzu. Nicht zu vergessen die Masse an Podcasts, Zeitungsartikeln und Social-Media-Inhalten, die gehört, gesehen und gelesen werden wollen.

Um seine Vorlieben und Interessen angemessen zu pflegen, verwaltet und organisiert man das unüberschaubare Angebot. Es werden Lesezeichen erstellt und Merklisten erweitert. Später findet sich die Zeit dafür, sagt man sich. Aber wann? Längst drängen die nächsten Serien und Filme danach, gesehen zu werden. Froh war man, als man hinausging ins Kino, Theater oder auf ein Konzert – die Flucht vor der Allgegenwärtigkeit des Bildschirms.

Seit einigen Wochen werden Theateraufführungen per Videoschaltung inszeniert, Filmfestivals finden online statt, Filmverleiher versuchen sich als Streaming-Anbieter, Musiker spielen aus dem heimischen Wohnzimmer oder leeren Clubs und Autoren lesen vor der eigenen Webcam aus ihren Büchern vor. Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Die ehemals geografische Disparität von Kultur wird auf einen Raum verdichtet. Was sich nicht verdichten lässt, ist die Zeit. Wo anfangen, wo aufhören, möchte man nicht nur wie ein Irrer durch das Internet klicken? Zum Glück gibt es genügend Tipps, die sich der Problematik annehmen. An jeder digitalen Ecke warten sie darauf, gelesen zu werden. Hier werden die besten Filme und Bücher für die Isolation empfohlen, dort tägliche Live-Streams von Musikern und da drüben gibt es eine Übersicht der Theater-Streams. Aber selbst diese Tipps müssen schon gespeichert und gepflegt werden, will man nicht den Überblick über die Überblicke verlieren. Eine Orchestrierung der Freizeitgestaltung, die nie zum Erfolg führen kann.

Man möchte es keinem Theater, Opernhaus, Kino, Autor, Musiker, Museum oder Filmfestival übel nehmen, wenn sie in dieser schwierigen Zeit versuchen, ihrer Arbeit nachzugehen und online nach neuen Wegen suchen. Zumal viele über ihre Angebote versuchen, Spenden zu generieren, um ihr Weiterbestehen zumindest minimal zu sichern. Der Stillstand zwingt Kulturschaffende, zu experimentieren und das digitale Potential auszuschöpfen. Manche Versuche werden kläglich scheitern und wieder verschwinden. Andere werden sich hingegen durchsetzen und etablieren.

Die Zunahme von Medieninhalten und ihre Ausdifferenzierung in der vernetzten Welt ist eine erfreuliche Entwicklung. Es ist ein Prozess der Demokratisierung, der eine Vielstimmigkeit hervorruft, die es bis dahin nicht gegeben hat. Aber man muss kein Kulturpessimist sein, um darauf hinzuweisen, dass das kognitive Vermögen des Menschen nun einmal seine Grenzen hat. Ein Gefühl der Überforderung und Erschöpfung schleicht sich ein. Soll ich diesen Podcast hören oder jenen Artikel lesen? Verpasse ich etwas, wenn ich den neuesten Serienhit auf Netflix nicht schaue? Hinzu kommen die unzähligen Live-Streams, die dieser Tage online gehen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist hier das Schlagwort der Stunde.

In den Tagen der Isolation wird deutlich, dass Kultur nur bis zu einem bestimmten Maße zuhause konsumiert werden kann. Die Nervenleitungen sind schon genügend verstopft durch den Schwall an täglichen Informationen, die über die Social-Media-Kanäle herein prasseln. Die Pandemie hat den Lärm nicht verringert, sondern ihn verlagert. Die Straßen, Cafés, Theater und Kinos sind an diesen Tagen still und verwaist. Das digitale Leben ist hingegen umtriebiger und lauter als je zuvor. Die eigenen vier Wände sind längst kein Ort mehr des Rückzugs, des Stillstands und des Privaten. Dort wird gebuhlt um die wenigen Minuten der Aufmerksamkeit, bevor sich das getriebene Gehirn weiterbewegt im unendlichen Strom der Zerstreuung.

Das Dilemma der Situation ist das Gefühl, dass man sich verpflichtet fühlt, die Kulturhäuser und Künstler zu unterstützen – und es auch sollte. Auch wenn man nicht mehr kann.

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