Draußen und doch immer mitten drin

„Absagen war keine Option“: Daniel Sponsel, Leiter des Münchner DOK.fests, spricht über die Herausforderung und die Lust, ein Filmfestival ausschließlich online stattfinden zu lassen.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Herr Sponsel, wie haben Sie den Moment erlebt, als klar wurde, dass das DOK.fest ein Online-Festival wird?

Daniel Sponsel: Das war ein heftiges Wochenende. Kurz nach der Berlinale wurde klar, dass dies das vorerst letzte Festival gewesen sein wird. Dann haben wir natürlich immer noch gehofft und gedacht, wir können den Moment der Entscheidung ein bisschen rausschieben, weil sich Dinge wieder ändern. Aber Mitte März war ganz klar: Wir werden nicht so stattfinden können.

Welche Optionen gab es?
Wir hatten drei. Die erste: Wir sagen ab. Die zweite: Wir verschieben. Die dritte: Wir machen eine Online-Edition.

Wieso haben Sie sich für die dritte entschieden?

Wir haben sehr schnell wirklich viele Skizzen auf den Tisch gelegt und finanziell durchgeplant, haben das mit den Förderern aus Stadt und Land abgesprochen. Absagen war keine Option, weil dann nix bleibt. Gar nix. Verschieben – das hat sich im Nachhinein erwiesen – wäre undankbar gewesen, wir hätten in den Sommer verschieben wollen, und das würde ja auch nicht funktionieren. Deswegen war das die richtige Entscheidung.

Was ist die größte Herausforderung für Sie auf dem Online-Weg?

Das sind wieder drei Herausforderungen. Wir wollen als Festival online gehen, und wir wollen so weit wie möglich das Festivalwesen und -feeling erhalten. Das bedeutet, dass wir die Programmreihen und die ganze Struktur des Festivals mit in die Online-Edition nehmen.

Also, dass sie Filmgespräche als Online-Konferenzen durchführen, dass die Preise weiter vergeben werden.

Richtig. Dann natürlich die Technik. Wir wollten, dass man nicht nochmal auf eine andere Website geleitet wird. Alles wird auf unserer Website stattfinden.

Das ist schön!

Ja, ist es wirklich! Unsere Website ist jetzt das Festivalzentrum geworden! Man bewegt sich immer im DOK.fest, anders als sonst natürlich, aber es fühlt sich vielleicht ein bisschen danach an.

Und die dritte Herausforderung …

… lag natürlich im Team, weil wir plötzlich neue Aufgaben hatten, für die wir gewisse Kompetenzen gar nicht haben konnten.  Aber auch das haben wir schnell geschafft. Ah, und es gab noch eine vierte Herausforderung! Wir hatten 159 Filme kuratiert und zugesagt, und jetzt mit allen Filmen neu verhandeln müssen. Wir hatten die Zusagen für ein Festival, und jetzt haben wir die Rechte für die Filme im Netz. Es sind 121 Filme dabeigeblieben. Also drei Viertel der Filme.

Also gibt es Filme, die wegen der Corona-Krise nicht gezeigt werden können. Wieso nicht?

Es gab eine Handvoll Filme, die absagen mussten, weil sie nicht fertig wurden, weil sie nicht weitermachen konnten. Ein Film, der ist fix und fertig, es fehlt nur noch die Filmmusik. Die muss von einem Orchester eingespielt werden, und die dürfen nicht spielen. Ein paar andere Filme sind rausgefallen, weil die ihre Weltpremiere nicht online haben wollten. Das muss man auch verstehen.

Es gibt aber auch das andere Extrem – Filme, die wegen der Krise überhaupt erst entstanden sind.

Ja, zum ursprünglichen Programm sind zwei, drei Filme von unserer Shortlist dazugekommen.  Einer davon, „Corona-Chroniken“ von Arte, ist noch gar nicht fertig. Den kriegen wir erst ganz kurz vor Festivalstart.

Glauben Sie, dass das DOK.fest der Zukunft weiter online stattfinden wird?

Wir möchten als Festival natürlich zurück in die Kinos. Das ist das, was ein Festival ausmacht: Die Kinos, viele Menschen im Saal, die Energie beim Filmegucken, diese Spannung und Stimmung, die man hat. Und natürlich auch die Begegnung der Macherinnen und Macher mit dem Publikum. Andererseits ist das Filmegucken online jetzt nichts, was wir neu erfinden. Dass der Dokumentarfilm da auch noch mehr Präsenz haben könnte und das wir da unseren Beitrag dazu leisten – vielleicht auch übers ganze Jahr hinweg mit dem „Film des Monats“, einem kuratierten Sonderprogramm – das ist toll. Da geht vielleicht eine Tür auf.

Außerdem wird die Möglichkeit der Filmgespräche noch mehr genutzt. Filmemacherinnen und Filmemacher, die gar nicht hätten kommen können, können jetzt per Videokonferenz zugeschaltet werden.

Ja. Wir haben einen Film aus Thailand,  „Hope Frozen“. Plötzlich sprechen wir nicht nur mit der Regisseurin, sondern auch mit der Protagonistin und dem Kameramann in dem Q& A –das ist eine wirkliche Bereicherung. Und das geht nur so in der Videokonferenz.

Wie waren die Reaktionen vom Publikum, den Sponsor*innen, den Filmemacher*innen?

Beeindruckend positiv. Es gibt natürlich ein paar Kritiker, die sagen: „Ihr leistet dem Kinosterben Vorschub!“, aber ehrlich gesagt, ist meine Meinung dazu: Den Kinos wär im Moment überhaupt nicht geholfen, wenn wir nicht stattfinden. Die Filmemacher und Filmemacherinnen waren auch daran interessiert und sehen das im Moment positiv. Und vom Publikum haben wir bisher auch eine erste Resonanz: Seitdem das Programm online ist, werden die Seiten auch rege angeschaut.

Der Festivalstart und das Festivalende sind immer etwas ganz Besonderes – wie werden Sie das in diesem Jahr erleben?

Das wird ein merkwürdiges Gefühl sein. Für uns beginnt es so: Wir sitzen im Büro und zuhause, gucken, wie es funktioniert, sitzen an den Hotlines, um Fragen zu beantworten. Und am 24. abends, wenn der Laden zugemacht wird, die Leitung gekappt wird, dann … ja, ich bin sehr gespannt.

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