Vererbte Wunden

DOK.fest München: In „Endlich Tacheles” von Andrea Schramm und Jana Matthes muss der junge Jude Yaar auf schmerzhafte Weise lernen, wie der Holocaust 75 Jahre nach dem Ende auch ihn noch beeinflusst.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

„Als Gott schlief“: So soll das Spiel des jungen jüdischen Videospielentwicklers Yaar heißen, das er zusammen mit seinem Kommilitonen Marcel und seiner Freundin Sarah entwickelt.

„Als Gott schlief“: So nennt Yaars Großmutter Rina die Zeit des Holocausts. Ihre Geschichte liefert die Grundlage für das Videospiel. Rina und ihr kleiner Bruder Roman wurden damals in riesigen Kochtöpfen aus dem KZ Plaszow herausgeschmuggelt, lebten über Jahre geheim bei Freunden der Familie. Bis eines Tages die Gestapo vor der Tür stand. Rina überlebte. Roman nicht.

Neben der jungen Jüdin soll man auch einen SS-Offizier, der auf einem Vorfahren von Marcel basiert, steuern können. Der Spieler soll die Möglichkeit haben, als Nazi gut zu handeln und sich als Jüdin zur Wehr zu setzen. „Die Nazis müssen nicht unbedingt böse sein. Es ist provokativ“, versucht Yaar das Ganze seiner Mutter zu erklären – und stößt auf wenig Zustimmung.

In „Endlich Tacheles“ folgt man Yaar über drei Jahre hinweg bei der Konzeptentwicklung. Wie soll die Geschichte ablaufen? Wie sollen die Figuren aussehen? Wie sollen sie sich verhalten? Soll das Spiel ein gutes oder schlechtes Ende nehmen? Soll die Wahrheit abgebildet oder eine veränderte Wunschgeschichte erzählt werden? Im Gespräch mit seiner Familie wird der Versuch, diese Fragen zu beantworten, zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte für den jungen Juden, der mit dem Judentum eigentlich so gar nichts zu tun haben will.

Yaar ist das, was man sich stereotyp unter einem Game-Entwickler vorstellt: Lange, zerzauste Haare, Schnurr- und Kinnbart, im Auftreten liebevoll und herzlich und Nerd durch und durch. So wird mit zwei länglichen LED-Handlampen ein Laserschwerterkampf simuliert, beim Therapeuten wird „Star Wars“ als Allegorie herangezogen.

Zu Beginn der Dokumentation ist sich Yaar sicher: Er möchte kein Variation von „Schindlers Liste“ machen, er war schließlich nicht im Konzentrationslager, er will nicht für etwas leiden müssen, was seine Vorfahren erlebt haben: „Ich bin ein neues Kind“.

Dadurch gerät er in Konflikt mit seinem Vater Ilei, zu dem er eigentlich ein sehr gutes Verhältnis pflegt. „Das ist auch ein Teil von dir“, appelliert Ilei an ihn. Und ein Videospiel, in dem die eigene schreckliche Familiengeschichte während der NS-Diktatur noch einmal erlebbar gemacht werden soll, lehnt er ab. Aufgewachsen mit einer traumatisierten Mutter, die auch 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch dachte, die Gestapo würde gleich vor ihrer Tür stehen, hat Ilei einen ganz anderen Zugang zum Holocaust als sein Sohn.

Um sich inspirieren zu lassen, reisen Yaar, Sarah und Marcel nach Krakau, mieten ein altes Haus und wollen sich künstlerisch davon inspirieren lassen, wie Rina damals gelebt hat.

Auf einem Markt kaufen sie Broschen mit Hakenkreuzen drauf, marschieren in Springerstiefeln auf und ab. Sarah erstellt erste Zeichnungen von den Figuren; es wird kontrovers diskutiert. „Wir sind 80 Jahre danach. Was hab ich denn damit zu tun?“, fragt Marcel und versucht eine Rechtfertigung für die Taten seines Vorfahren zu finden. Welche Verantwortung haben die Nachfahren der Täter?

Yaar wird plötzlich ganz still.

In intensiven Gesprächen mit seinem Vater wird deutlich: So sehr sich Yaar auch vom familiären und kulturellen Erbe des Judentums freimachen möchte, so wenig ist ihm dies möglich. Obwohl ihn diese Erkenntnis wütend und traurig macht, beantwortet er dadurch wichtige Fragen für sich selbst und kann Vater und Großmutter besser verstehen.

Dem Regie-Duo Andrea Schramm und Jana Matthes ist es gelungen zu zeigen, wie der Holocaust auch in der dritten Generation immer noch Schaden anrichtet. Die Wunden sind noch da, sie werden vererbt, und so sehr sich Yaar etwas anderes wünscht: Der Heilungsprozess ist schmerzhaft und intensiv. Ignorieren ist für ihn nicht mehr möglich.

Zusammen mit seinem Vater besucht er das KZ Plaszow bei Krakau. Weinend liegen die beiden sich in den Armen. Gemeinsam finden sie heraus, dass Yaars Großmutter Rina ihrem Sohn Ilei eine falsche Geschichte erzählt hat über den Tag, an dem ihr siebenjähriger Bruder Roman von der Gestapo festgenommen wurde. Als Ilei bei einem Besuch in Israel mit seiner Mutter eine Aussprache sucht, muss er feststellen, dass es ihr unmöglich ist. Rina steht auf und geht. Zu schrecklich sind die Erinnerungen, zu schmerzhaft, das Ganze durch Erzählen nochmal erleben zu müssen.

„Endlich Tacheles“ beginnt mit einem sehr lockeren, naiven und humorvollen Ton. Je weiter die Coming-of-Age-Doku voranschreitet, umso nachdenklicher und reflektiert wird sie.

Am Ende muss Yaar seinem Freund Marcel, der immer noch von der Anfangsidee überzeugt ist, sagen: „Ich glaube nicht, dass das Originalkonzept noch funktioniert.“

Das tut weh, aber spiegelt die Entwicklung wider, die Yaar durchgemacht hat. Er kann akzeptieren: Das jüdische und das familiäre Erbe ist ein Teil von ihm.

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