Frei wie eine Taube

DOK.fest München: „Scheme Birds“ begleitet eine junge Schottin beim Erwachsenwerden. Die Coming-of-Age-Geschichte rührt, ohne kitschig zu sein.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Ihr Großvater zieht seine Tauben den meisten Menschen vor, erklärt die 18-jährige Gemma. Ihre Eltern sind drogenabhängig, nicht mehr präsent. Sie wächst bei ihrem Großvater, ihrem „Papa“ auf. Der züchtet hobbymäßig Tauben und gibt seiner Enkelin in seinem Boxclub Unterricht – in ihrer Gegend muss man sich verteidigen können.  Das hört sich an wie der Plot eines leicht abgedrehten Coming-of-Age-Spielfilms,  ist aber ein wahnsinnig poetischer, sanfter Dokumentarfilm von Ellen Fiske und Ellinor Hallin.

„Scheme Birds“ handelt in Schottland, genauer gesagt in der Kleinstadt Motherwell, etwas außerhalb von Glasgow. In den 1960er-Jahren war Motherwell bekannt für seine Stahlindustrie, heute gibt es dort: nichts. Außer der sogenannten Schemes, eine Art soziales Wohnprojekt, wo Gemma aufwächst.  Sie selbst bezeichnet es als einen „non-snobby place to stay “. Der Film begleitet das junge Mädchen mit wasserstoffblond gefärbten Haaren, das zu Beginn noch sagt: „I think I stay here for the rest of my whole life“.  Das soll sich im Laufe des Films noch ändern.

Gemma verbringt ihr Leben wie die meisten Jugendlichen in Motherwell – ohne Arbeit, mit Saufen, Rauchen, Drogen nehmen – und wird schwanger von ihrem Freund Pat.

Die beiden Filmemacherinnen sind wahnsinnig nah an ihren Protagonist*innen dran. Man merkt, dass Gemma, ihre Familie und ihre Freunde großes Vertrauen zu den beiden Frauen haben, die in ihre intimsten Räume eindringen; sie wirken dabei jedoch nie voyeuristisch. Über Jahre haben die beiden Frauen Gemma und ihr Umfeld begleitet, was man schon an Gemmas wechselnden Haarlängen und Blondtönen erkennen kann.

 Dass die Menschen nie als Asoziale oder Opfer dargestellt werden, ist die größte Stärke des Films. Und seine einprägsamen Bilder: der Großvater, der seine Tauben freilässt. In Zeitlupe. Gemma, die rauchend am Fenster steht und in ihr Handy tippt. Es ist eine seltsame Mischung aus Traurigkeit und Hoffnung, die der Film in einem weckt. Rührend, ohne kitschig zu sein.

Gemma spricht in schönstem Schottisch (was man ohne Untertitel niemals verstehen würde) im Voice-Over über ihre Heimatstadt und ihr Leben.. Dabei wirkt es aber nie so, als würde sie einen Text vorlesen oder ihn auswendig aufsagen. Sie gibt nur kleine Stichworte, lacht, verhaspelt sich auch mal. Diese Voice Over sind selten, die meiste Zeit lassen die Filmemacherinnen ihre Bilder unkommentiert. Nach 87 Minuten ist man traurig, Gemma gehen zu lassen. Und hofft, dass es ihr gut geht.

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