Abrissarbeiten

DOK.fest München: „A Tunnel“ von Nino Orjonikidze und Vano Arsenishvili dokumentiert die Rücksichtslosigkeit, mit der China seine Interessen verfolgt. Auch auf fremdem Territorium.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Die „Neue Seidenstraße“ ist das weltweit größte Infrastrukturprojekt der heutigen Zeit. China pumpt seit 2013 unfassbare Summen in den Bau von Flughäfen, Straßen, Häfen und Zugstrecken, um so besser vernetzt zu sein – vor allem mit Europa. Auch durch Georgien soll eine der Verbindungsrouten gehen. Die Hoffnung der Menschen im georgischen Bergdörfchen Zvare ist groß, dass auch in ihrer Region gebaut wird. Finanzielle Unterstützung für die Gegend und die Schaffung von Arbeitsplätzen werden von einer chinesischen Baufirma angekündigt.

Doch die Hoffnung der Menschen wandelt sich schnell in Enttäuschung und Wut, als durch die Tunnelbauarbeiten der Boden aufreißt, Straßen unbefahrbar werden, Berghänge abrutschen, Felder zerstört, überwiegend chinesische Arbeiter beschäftigt und die georgischen Arbeiter nur gegen schlechte Bezahlung ohne Krankenversicherungen und Arbeitsverträge zu Schwarzarbeit angeheuert werden und sich den katastrophalen Arbeitsbedingungen stellen müssen. – Expansionspolitik und Globalisierung Chinas treffen auf Stillstand und Isolationismus im georgischen Zvare.

Das Regie-Duo Nino Orjonikidze und Vano Arsenishvili offenbaren in „A Tunnel“, wie über Jahre aus großen Hoffnungen große Sorgen wurden. In entschleunigter Erzählweise sieht man die Dorfbewohner in ihrem Alltag. Der Künstler, der Lastwagen und Züge malt und Lebensmittel an die Menschen liefert, die ein Stück außerhalb wohnen. Der hochgeschätzte Bahnhofswärter, der täglich Züge durchwinkt. Die Dorfälteste und ehemalige Lehrerin, die vergeblich nach weggezogenen Nachbarn ruft und Sorgen hat, dass aufgrund der Bauarbeiten, die Schule abgerissen wird.

Es ist schmerzhaft anzusehen, wie gleichgültig der chinesischen Baufirma die Menschen vor Ort sind. Das Nichtinformieren, das Zurückhalten von Informationen ist frustrierend. Die Dorfbewohner hören Gerüchte, dass verschiedene Häuser abgerissen werden könnten aufgrund der Baumaßnahmen. Auf Nachfrage bei den lokalen Politikern müssen diese bei einer Bürgerversammlung resigniert zugeben, dass sie auch keine Informationen haben. Man solle sich gedulden, am Ende würden sie davon profitieren. Leere Versprechungen.

Als die georgischen Arbeiter in den Streik treten und sicherere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung fordern, reagiert die chinesische Firma eiskalt: Entweder kehren die Arbeiter zur Baustelle zurück oder sie würden gefeuert. Der Konflikt schaukelt sich immer weiter hoch, sieben georgische Arbeiter werden bei einer Auseinandersetzung mit chinesischen Arbeitern verwundet. Bei einem Arbeitsunfall mit einem defekten Truck kommt ein Georgier ums Leben.

„A Tunnel“ ist ein Film, der eine tiefe Ruhe ausstrahlt, aber unter dessen Oberfläche die Missstände brodeln. Das Leid und die Hilflosigkeit werden spürbar, wenn die Kamera ganz nah an den Menschen dran ist, die sich über die untragbare Situation austauschen.

Aber auch der Schaden an der Natur wird sichtbar, wenn in den malerischen Landschaften riesige Löcher in die Berge gegraben werden, dort, wo der Tunnel verlaufen soll.

Dass die Dorfbewohner die chinesischen Angestellten fragen, wo die Zugstrecke verlaufen werde, um herauszufinden, ob vielleicht das eigene Haus irgendwann weichen muss, zeigt die Verzweiflung der Bewohner. Resigniert und demotiviert steht der örtliche Bahnhofswärter ohne Informationen über den Verlauf der Strecke neben der riesigen Baustelle und sagt: „Schauen wir mal, was als nächstes passiert.“

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