Gewalt auf allen Ebenen

Berlinale: Der Regisseur Radu Jude keilt in seinem Wettbewerbsbeitrag „Bad Luck Banging or Looney Porn“ gewaltig aus – gegen Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Rassismus, Klassismus, Verschwörungstheorien und dunkle Kapitel der rumänischen Geschichte. Die Schonungslosigkeit macht den Film sehenswert. Das hat auch die Jury so gesehen und ihn mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

„Bad Luck Banging or Looney Porn“ startet, wie es der Titel verheißt: Die Zuschauer*innen werden in einen dreieinhalb Minuten langen Amateur-Hardcore-Porno geworfen. Nichts, was man nicht auch mit wenigen Klicks im Internet finden könnte: ein Blowjob, ein bisschen Sextalk und ein Höhepunkt in der Doggy-Stellung. Ungewöhnlich, gar problematisch? Nicht aus der Sicht des Publikums.Für eine der Beteiligten allerdings schon: Die Pornodarstellerin Emi ist Lehrerin an einer angesehenen Bukarester Schule.

Als das private Video von ihr ungewollt seinen Weg ins Internet findet und ihre Schüler*innen, die übrigens nie auftreten im Film, das explizite Material zu sehen kriegen, steht Emi unter Beschuss. Durch die Schulleitung, die Eltern und die gebündelte Gewalt des Internets. „Porn-Teacher“ und Schlimmeres ist dort zu lesen. Das Video, das schnell offline genommen wird, taucht immer wieder im Netz auf. Emi hat Angst, ihren Job zu verlieren. Dabei galt sie bislang als hochangesehene und respektierte Lehrerin, die ihre Schüler*innen gut im Griff hat.

Der Regisseur Radu Jude holt in seinem Film zum kritischen Rundumschlag aus. Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Rassismus, Klassismus, Klimawandel, Verschwörungstheorien, ein Verkommen der Sprache, dunkle Kapitel der rumänischen und der Menschheitsgeschichte. Irgendwie bringt er alles unter, viel zu viel, alles auf einmal und absolut schonungslos. „Bad Luck Banging or Looney Porn“ ist eine überbordende Metapher auf die aktuelle Zeit, vor allem das Internet und die sozialen Medien.

Der Film ist in drei komplett unterschiedliche Teile gegliedert. Nach dem Porno-Prolog folgt der halbstündige, dokumentarisch wirkende erste Teil in einer Wimmelbild-Ästhetik. Anders als zu Beginn ist die Kamera jetzt weit weg, während Emi durch die Straßen Bukarests läuft. Sie telefoniert mit ihrem Mann wegen des Videos, kauft Blumen, gerät in einen Streit mit einem Autofahrer, der seinen SUV auf dem Bürgersteig geparkt hat. Statt Verständnis zu zeigen und sich zu entschuldigen, wird der Mann aggressiv, beleidigt Emi aufs Übelste, droht ihr und ihrer Mutter sexuelle Gewalt an.

Dass alle Menschen unhöflich sind, wäre eine krasse Untertreibung. Die Sitten sind verroht, jeder hat eine ganz dünne Haut. An der Supermarktkasse kann eine arme Frau ihren Einkauf nicht bezahlen, da ihre Essensmarken für gewisse Dinge nicht gelten. Als sie überlegt, was sie zurückgeben soll, wird sie von einer anderen Kundin heftig beschimpft, weil der das zu lange dauert. Ein Autofahrer fährt einen Fußgänger auf dem Zebrastreifen absichtlich an, eine ältere Frau sagt ohne Erklärung „Eat my cunt“ in die Kamera. Diese schwenkt dabei durch die Szenerie, zeigt nicht immer Emi, sondern kaputte Häuserfassaden, falsch geparkte Autos und riesige Werbebanden. Corona ist dabei allgegenwärtig, Masken gehören zum Bild des Filmes, der die Pandemie offensiv einbindet.

Nach dem ersten, langsam erzählten Teil fordert Radu Jude die Zuschauer*innen in Teil zwei noch mehr heraus. Er ist eine Collage aus kurzen Clips, eine Mischung aus historischem Material, gedrehten Minieinstellungen und Found-Footage aus dem Internet. Eine Art patriarchale Enzyklopädie, die versucht, diese verkommene Welt auf verdrehte Weise zu erklären. Das Word „Kitchen“ wird eingeblendet. Danach als Erläuterung: „As in: Women belong in the kitchen“.

Eine nackte Blondine wird von einem Mann mit Bullenmaske durch ein grünes Filmset gejagt. Man sieht Bilder von Kolonialisten, die nackte schwarze Frauen begrapschen. Ein Kind mit blutigem Rücken voller Blessuren sitzt der Kamera abgewandt mit gesenktem Kopf da. Dazu die Einblendung: „6 von 10 rumänischen Kindern sind Opfer häuslicher Gewalt.”

All das ist nicht zu hören, sondern muss in den Untertiteln gelesen werden, wie in einer gedruckten Enzyklopädie. Viele der kurzen Szenen tun weh und müssen das auch. Bitterböse Sozialsatire. Schonungslos hält Radu dem Publikum den Spiegel vor. Jeder wird sich an anderen Stellen gemeint fühlen.

Dieser zweite, ebenso knapp halbstündige Teil ist anstrengend und überfordernd. Man ist fast froh, als im letzten Teil die Narration und die Hauptfigur vom Beginn wiederkehren. Diese Freude hält aber nicht lange an. In einer Elternkonferenz soll diskutiert werden, ob Emi als Lehrerin noch tragbar ist. Moderiert von der Schulleiterin, entspinnt sich eine schwer erträgliche Diskussion. Eine Mutter zeigt den Porno noch mal für alle Eltern auf einem Tablet. Schließlich solle jeder wissen, worüber geredet wird. Gierig und lüstern gaffen alle auf das Gerät, vor allem die Männer geilen sich daran auf und lassen sexistische Kommentare fallen. Vorboten einer Diskussion, die widerlich und scheinheilig ist. Nicht nur Sexismus, viele -ismen treten jetzt offen zu Tage. Pseudointellektuell wird von Bertolt Brecht über Umberto Eco bis hin zu Walter Benjamin alles zitiert, was den Eltern gerade in den Kram passt.

Andere werfen, als wären sie die Klassenclowns, unflätige Bemerkungen hinein. Die Atmosphäre ist so vergiftet, wie sie nur sein kann. Zum Schluss bietet Radu Jude den Zuschauer*innen drei mögliche Enden an, von denen eigentlich nur das absurd-unrealistisch-filmische eine Form der Zufriedenheit vermittelt.

„Bad Luck Banging or Looney Porn“ ist höchst aktuell. Der Film ist schwer erträglich – und gerade wegen dieser Schonungslosigkeit absolut sehenswert.

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