Einmal wieder wie ein Kind fühlen

Berlinale: Céline Sciamma schickt in ihrem wunderbar leichten Wettbewerbsfilm „Petite Maman“ auf eine Zeitreise in die Kindheit ihrer Mutter.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Nach dem Tod von Nellys Oma in einem Altenheim kehrt die Achtjährige zusammen mit ihren Eltern in das Haus zurück, in dem ihre Mutter aufgewachsen ist. Letzte Dinge müssen aus dem nahezu leerstehenden Haus noch ausgeräumt werden. Ruhige Klavier- und Geigenklänge begleiten den Anfang eines sanften Filmes. Wie ein schöner Traum entfaltet sich dieser nach und nach, und man möchte gar nicht wieder daraus aufwachen.

Nellys Mutter Marion ist sichtbar traurig. Ihre hängenden Gesichtszüge erzählen davon, wie viel ihre Mutter ihr bedeutet hat. Nelly hingegen verhält sich sehr gefasst, ihr Vater bemerkenswert seriös. Wenn er trauert, lässt er sich das vor der Tochter nicht anmerken.

Als Nelly die Umgebung erkundet und dabei auf ein gleichaltriges Mädchen trifft, entfaltet sich der Film. Denn die Spielkameradin heißt wie ihre Mutter Marion. Und als sie zu ihr nach Hause gehen, findet sich Nelly plötzlich im dekorierten Haus der Großmutter wieder mitten in den Neunzigerjahren.

Irgendwie ist sie in der Vergangenheit gelandet und lernt dort ihre Mutter als Achtjährige kennen. Dabei spielt die Zeitreise eigentlich gar keine große Rolle in Céline Sciammas Film „Petite Maman“, sie ist so wundervoll selbstverständlich. Als Nelly ihrer neugewonnenen Freundin erklärt, dass sie ihre Tochter aus der Zukunft ist, glaubt diese ihr sofort. Mit allem Grundvertrauen, das Kinder haben: Das ist jetzt halt so. Okay. Akzeptiert.

Die Zeitreise ist eigentlich nur ein Mittel, um das Hauptthema des Filmes genauer zu ergründen. Es geht um Eltern und ihre Kinder. Und um das gegenseitige Verstehen. Nelly lernt, dass ihre Mutter einmal genau so wie sie ein kleines Mädchen war, das Schauspielerin werden wollte. Ein Kind, das Rollenspiele liebte, sich Sorgen um ihre eigene Mutter machte und Angst vor einer Operation hatte.

Nelly und Marion treffen sich immer an der tipiartigen Holzhöhle im Wald, die sie gemeinsam bauen. Sie lachen, spielen und reden über Sorgen und Freuden. Sie vertrauen einander viel an. Dabei ist es unwichtig, wie genau die Zeitreise funktioniert. Es gibt keine Erklärung, keinen Versuch, es zu verstehen. Darum geht es nicht. Es ist viel mehr das Gefühl, dass Mutter und Tochter sich kennenlernen können mit der ungefilterten Ehrlichkeit, die Kinder untereinander haben.

Die Regisseurin Céline Sciamma erzählt den nur 72-minütigen Film auf ganz subtile Weise und mit einer enormen Liebe zu ihren Figuren. Lange Einstellungen sorgen für große Ruhe und Authentizität. Es wird nicht durch Schnitte etwas simuliert, was nicht da ist. Man schaut einfach zwei Achtjährigen beim Spielen zu und lacht unweigerlich mit, als der in die Höhe geworfene Pfannkuchen auf dem abgewaschenen Geschirr landet. Man fühlt selbst wieder diese Unbeschwertheit und Sorgenlosigkeit, die die Kindheit so schön machen.

Während des kompletten Mittelteils ist Nellys Mutter abwesend. Warum oder wohin sie gegangen ist, wird ebenfalls nicht erklärt. Und das muss es auch nicht. Denn Marion ist nie wirklich weg, schließlich ist sie als Achtjährige sehr wohl da. Nelly erzählt der gleichaltrigen Marion davon, dass ihre Mutter manchmal sehr traurig sei. Diese antwortet: „Du bist nicht verantwortlich für meine Traurigkeit.“

Konfrontiert mit der Vergangenheit der Mutter, denkt Nelly auch über ihren Vater nach. Sie fragt ihn einmal, wovor er denn als Kind Angst gehabt hätte. „Ich hatte Angst vor meinem Vater“, antwortet er und deutet damit ein weiteres Kapitel an, das der Film hier offenlässt.

Clever spannt Sciamma Bögen im Laufe ihres Films. Ein Kreuzworträtsel zu Beginn kehrt später wieder, als Nelly mit ihrer Großmutter aus den Neunzigern gemeinsam auf der Couch rätselt. Überreste der Tapete aus der Vergangenheit finden sich in der Küche der Jetztzeit wieder. Und so erzählt „Petite Maman“ mit wenigen Mitteln und in kurzer Zeit unglaublich viel.

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