Kampf gegen ein kaputtes System

Berlinale: „Ballad of a White Cow“ von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam ist ein Meisterwerk über die Unbarmherzigkeit der Gesellschaft. Der Film ist ein Höhepunkt im Wettbewerb um den Goldenen Bären.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Ein letztes Mal besucht Mina ihren Ehemann Babak im Gefängnis, bevor er hingerichtet werden soll. Der Wärter schließt die Zellentür auf. Mina geht hinein. Die Tür wird geschlossen, das Schloss befestigt. Langsam fährt die Kamera zurück. Aus der Zelle hört man Minas verzweifeltes Schluchzen. Symbolhaft steht eine Kuh in der Mitte eines Gefängnishofes. Sie ist weiß, die Farbe der Unschuld.

Zehn Monate später versucht Mina irgendwie, ihr eigenes und das Leben ihrer Tochter am Laufen zu halten. Sie arbeitet in einer Milchfabrik und kämpft beim Amt um Entschädigungen für den Tod ihres Mannes. Aber alles läuft gegen sie. Mitgefühl sucht sie vergeblich. Keiner will ihr helfen.

Die Nachricht, dass ihr Mann zu Unrecht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist, reißt ihr den Boden unter den Füßen weg. Der Beamte entschuldigt sich auf kühle, nicht wirklich ernstzunehmende Weise und fügt hinzu: „Aber am Ende war es Gottes Wille.“ Als Entschädigung soll sie umgerechnet etwa 5500 Euro bekommen. Irgendwann mal. So viel ist das Leben ihres unschuldigen Mannes den Behörden wert.

Die farblosen Bilder mit all den Braun-, Schwarz- und Grau-Tönen sind so kühl, wie es die Menschen Mina gegenüber sind. Selbst die Farben scheinen keine Farbe zu haben. Schließlich wirft ihr Vermieter Mina aus absurden religiösen Gründen raus. Sie verliert ihren Job aufgrund eines Arbeiterstreiks und Minas Schwiegervater versucht ihr das Einzige zu nehmen, das ihr noch bleibt: ihre gehörlose Tochter Bita.

Maryam Moghaddam spielt Mina mit einer unglaublichen Wucht. In ihrem Gesicht, in ihren Bewegungen, in der Art, wie sie spricht, zeichnet sich alles ab: Die Wut auf die Behörden und die Richter, der ausweglose Kampf gegen ein frauenfeindliches, empathieloses System, die unfassbare innerliche Leere, aber auch die Liebe zu ihrer Tochter, die sie vor all dem beschützen möchte. Sie bringt es nicht mal übers Herz, Bita zu sagen, dass ihr Vater tot ist. In Zeichensprache erklärt sie ihr, dass er nur im Gefängnis sei, weil er dort arbeite. Und er sei nur nicht mehr zuhause, weil er in ein weit entferntes Gefängnis verlegt wurde.

Auf Wohnungssuche sagt ihr der Makler: „Witwen, Hunde-, Katzenbesitzer und Junkies bekommen keine Wohnung.“ Sie versucht zu erklären, dass ihr Mann zu Unrecht hingerichtet wurde. Niemand hört ihr zu oder interessiert sich dafür.

In dieser ausweglosen Situation tritt plötzlich ein Fremder in ihr Leben: Reza, der sich als ein alter Freund ihres verstorbenen Mannes vorstellt. Wie ein Schutzengel hat er für alles eine Lösung. Er hat eine Wohnung, organisiert den Umzug, kann Mina auch bei der Sorgerechtsklage helfen. Er tut das, was ihr alle anderen verwehren: Er behandelt Mina und Bita wie Menschen. Reza sieht Minas Not und schreitet ein. Dass dahinter sehr viel mehr steckt als pure Selbstlosigkeit, wird relativ schnell klar. Nur Mina ahnt nichts.

Das Regieduo Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam stellt ein grundlegend kaputtes System bloß und zeichnet eine gefühllose Welt, in der nicht ausgesprochen werden darf, was gefühlt wird. Starke Dialoge, überragendes Schauspiel, eine klug konstruierte Erzählweise und eindrucksvolle Bilder.

„Ballad of a White Cow“ ist ein meisterhafter Film, der ganz große Emotionen weckt. Es geht um Schmerz, Schuld und Scham. Um Vergebung und Wiedergutmachung. „Die Todesstrafe ist ein Menschenrecht”, sagt ein Beamter. Und doch scheint es niemanden zu interessieren, dass Mina als verwitwete Frau grundlegende Menschenrechte verwehrt werden.

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