Isoliert und vernachlässigt

Berlinale: Der chinesische Film „Summer Blur“ von Han Shuai erzählt von der Unterdrückung einer Teenagerin. Im Wettbewerb „Generation Kplus“ wird er mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Die dreizehnjährige Guo (Huang Tian) fühlt sich alleine und im Stich gelassen. Ihre neu verheiratete Mutter fliegt in der Welt umher, während sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel in der viel zu engen Wohnung leben muss. Zu ihrer nervigen, jüngeren Cousine hat sie auch kein wirklich gutes Verhältnis.

Sehnsüchtig wartet sie auf Anrufe. Doch die sind spärlich, und wenn sie stattfinden, sind sie nur ganz kurz. Ihre Mutter erzählt dann knapp von allen tollen Erlebnissen, die sie selbst gemacht hat und verheißt eine goldene Zukunft. Wie es Guo geht, fragt sie nicht.

Als die Teenagerin erzählt, dass ihre Mutter sie bald zu sich nach Shanghai holen möchte, merkt man schon an der Reaktion ihrer Tante, dass das wohl leere Versprechungen sind. Und auch Guos Euphorie hält sich in Grenzen. Solche Versprechungen hat sie wohl schon häufiger gehört.

In der chinesischen Hitze entfaltet sich ein bedrückendes Sommergefühl. „Summer Blur“ ist eine Coming-of-Age-Story, der alle positiven, frohen Elemente dieses Genres fehlen. Beim Spielen ertrinkt Guos etwas älterer Verehrer, als er ihr Modellflugzeug aus dem Fluss holen will. Der Sound quietscht, pfeift, tönt. Panik und Angst sind in den Ohren zu spüren. Überfordert flieht Guo, behält dieses traumatische Erlebnis für sich.

Guo hat das Gefühl, sich niemandem anvertrauen zu können. Kaum verwunderlich, denn Tante, Onkel und Cousine machen kein Geheimnis daraus, dass sie nicht erwünscht ist. Bei einem Streit mit der jüngeren Cousine, mit der Guo sich ein Bett teilen muss, ergreift die Tante sofort Partei für das eigene Kind, schlägt die Nichte ins Gesicht, ohne zu wissen, was eigentlich los ist. „Ich schulde dir gar nichts“, sagt die Tante ihr einmal kalt ins Gesicht.

Guo ist isoliert. Der heiße Sommer unterstützt die bedrückende Stimmung. Die Grillen zirpen, der Schweiß rinnt die Haut hinunter. Das Ertrinken des Spielkameraden macht klar, dass auch das klare, blaue Schwimmbadwasser für die Nichtschwimmerin mehr Gefahr als Abkühlung ist. Wie sich herausstellt, hat der gleichaltrige Yu das Ertrinken auch mitbekommen. Er schwört, nichts zu sagen, und sucht den Kontakt zu Guo. Aber auch der schüchterne Yu kann sie nicht aus der Einsamkeit herausholen.

In die Ecke getrieben, fühlt sich das vernachlässigte Mädchen immer isolierter. Als der Himmel endlich Abkühlung verheißt, spült das alle unterdrückte Traurigkeit hervor. Guo fällt im strömenden Regen vom Fahrrad und eine fremde Frau kümmert sich um sie. Überfordert mit der Situation und der unerwarteten Hilfe bricht Guo fürchterlich in Tränen aus.

„Summer Blur“ ist frustrierend, schwer erträglicher, bedrückend und schmerzt beim Schauen. Ein stark umgesetzter Film über unerfüllte Sehnsüchte und das Erwachsenwerden einer vernachlässigten Jugend.

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