Geduld und Eile

Das DOK.fest München zeigt zur Eröffnung einen leisen Film mit einer klaren Haltung: „Hinter den Schlagzeilen“ von Daniel Sager veranschaulicht die Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ zu den Panama Papers und zur Ibiza-Affäre. Eine Wertschätzung der Pressefreiheit in Zeiten, in denen sie besonders bedroht ist.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Ein bisschen sehen sie aus wie Geschäftsmänner, die gerade einen krassen Deal abschließen. In Wirklichkeit sind sie diejenigen, die den Geschäftsmännern und ihren krassen Deals auf die Schliche kommen: Investigativjournalisten. Genauer: Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der Süddeutschen Zeitung.

Am Anfang des Films „Hinter den Schlagzeilen“ von Daniel Sager, dem Eröffnungsfilm des DOK.fests München, sieht das investigative Dasein eines Münchner Journalisten geschäftsmännisch und cool aus: Anzüge, Reisekoffer, geheime „Calls“ und Treffen mit anderen investigativen Journalisten aus der ganzen Welt.

Da ist diese Szene, in der Bastian Obermayer mit Journalisten des Guardian, der Monde, der New York Times und vielen anderen an einem großen Konferenztisch sitzt. Im Hintergrund: Ein vollgekrakeltes Whiteboard, Überschrift: „Who killed Daphne?“ Die Journalistengruppe recherchiert den Mord an ihrer Kollegin Daphne Caruana Galizia aus Malta, die 2017 Opfer eines Bombenattentats wurde. Galizia kannte die Kollegen der Süddeutschen von den Recherchen zu den „Panama Papers“, sie belastete mehrere ranghohe Mitglieder der Regierung. Obermayer war einer der Gründe des „Daphne Projects“, das sich mit der Aufklärung am Mord befasst. Unter der Website „forbiddenstories“ arbeitet das Journalistennetzwerk weiter an Galizias Recherchen.

Ein seltsam beklemmender und zugleich anrührender Moment in der Dokumentation ist, als Bastian Obermayer zum Witwer seiner Maltesischen Kollegin fährt und durch ihren Garten läuft. Die Kamera ist – wie meist in diesem Film – nur stiller Beobachter, man sieht die meiste Zeit Obermayers Rücken, wie er da über die Steinstufen stapft. Es ist eine sehr kluge Entscheidung des Regisseurs, sich im Sinne des „direct cinema“ im Hintergrund zu halten, man fühlt sich beim Gucken des Films manchmal wie ein Praktikant, der sich nicht so wirklich traut nachzufragen, aber hofft, nicht aus der spannenden Situation oder Konferenz rausgeworfen zu werden.

Man kann nur erahnen, wie viele Stunden an Material nicht genutzt wurden für diesen Film, wie sehr er durch seinen Schnitt lebt. Denn man bekommt auch mit: So glamourös und cool ist das Leben als Investigativjournalist gar nicht. Es ist, so scheint es, vor allem ein Warten. Ein Warten auf Gesprächspartner, ein Warten auf die Freigabe eines Textes, ein Warten, bis die Bombe platzt. „Ich hab mir mehr erwartet“, sagt der andere Obermaier, Bastian, einmal nach dem Treffen mit einem Informanten.

Dass der Film nicht unter den Erwartungen bleibt, liegt daran, dass die Filmemacher außerordentliches Glück hatten. Was ein Film über die Investigativrecherche bei der Süddeutschen Zeitung werden sollte, wird zum Ende hin immer mehr ein Film über die Aufdeckung der Ibiza-Affäre. Da sitzt man also mit Obermayer und Obermaier im Büro, sie drucksen ein bisschen herum, erzählen von einem Video, dass „belasten könnte“. Mehr dürfen sie nicht sagen – sie wissen ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie mit diesem Video den österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache zum Rücktritt zwingen und in Österreich Neuwahlen angesetzt werden.

Als die Veröffentlichung des Videos konkret wird – die Journalisten wussten schon mehr als ein Jahr davon –, muss dann alles sehr schnell gehen, da formulieren sie, werfen alles wieder um, schreiben noch einmal. Und klären dann alles mit der Rechtsabteilung ab, die ihnen manche Formulierung einfach rausstreicht. Noch einmal von vorn. Sie sprechen mit den Kollegen, sitzen beim Chefredakteur Wolfgang Krach im Büro, lassen das Video auf seine Echtheit überprüfen (ein kurzes Amüsement: Strache wird an seinen, wie man in Österreich sagt: Ohrwaschln eindeutig identifiziert), und man bekommt mehr als nur einen Einblick in die Welt der Ibiza-Affäre.

Diesen Film als Auftakt des DOK.fests zu setzen, erscheint zuerst ungewöhnlich: Er ist nicht laut, zeigt nichts Neues oder wirklich Enthüllendes – die Ibiza-Affäre ist Geschichte. Aber er zeigt eine politische Haltung, eine Wertschätzung des Journalismus, in einer Zeit, in der die Pressefreiheit so bedroht ist wie seit Jahren nicht mehr. Der letzte Satz dieser Doku (nein, kein Spoiler): „An die Arbeit.“

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.