Egoistinnen?

Mit „Menschenskind!“ und „EVA-MARIA“ zeigt das Dok-Fest München zwei wichtige Beiträge zu der Frage, wie sich heutzutage das Modell Familie definiert und welche Wege der Mutterschaft dringend mehr Unterstützung und Anerkennung benötigen

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Marina möchte ein Kind. Ihr Kinderwunsch ist so groß, dass sie die Zeugung nicht abhängig macht von einer romantischen Beziehung. Ähnlich geht es Eva-Maria. Auch sie möchte unbedingt Mutter werden. Beide entscheiden sich für eine Schwangerschaft mit Hilfe eines Samenspenders. Beide müssen sich nach ihrer Entscheidung für das Muttersein immer wieder im eigenen Umkreis und gegenüber der Gesellschaft rechtfertigen. Marina, weil sie alleinstehend ist und ihre Tochter Nelly ohne zweiten Elternteil aufwachsen lässt, Eva-Maria vor allem, weil sie eine körperliche Behinderung hat, im Rollstuhl sitzt und immer auf die Hilfe andere angewiesen sein wird, auch in der Pflege ihres Sohnes Ben-Fynn.

Im diesjährigen Programm des Münchner Dok-Festes dokumentieren die Filme „Menschenkind!“ von Marina Belobrovaja und „EVA-MARIA“ von Lukas Ladner das Leben zweier Mütter, die sich für einen Weg der Mutterschaft entschieden haben, der auch heute noch stigmatisiert wird. Denn oft sprechen Eltern mit ihren Kindern erst zu spät – wenn sie es überhaupt tun – darüber, dass sie mit Hilfe einer Samenspende gezeugt wurden. Zu groß ist oft die Scham bei Zeugungsunfähigkeiten. Gleichzeitig wird dieser Weg der Familiengründung für gleichgeschlechtliche Paare, für andere Familienmodelle, die nicht „Vater-Mutter-Kind“ entsprechen oder wie im Fall von Eva-Maria, für Menschen mit einer Behinderung, erschwert bis gar unmöglich gemacht.

Marina Belobrovaja erfährt das am eigenen Leib. Denn in der Schweiz ist es nach wie vor illegal, sich als alleinstehende Frau mit einer Samenspende künstlich befruchten zu lassen. Sie findet jemanden im Internet. In ihrem biografischen Dokumentarfilm setzt sich Belobrovaja nicht nur mit dem Weg der Zeugung ihrer kleinen Tochter Nelly auseinander, sondern versucht ständig zu reflektieren, welche Auswirkungen ihre Entscheidung auf das Leben von Nelly haben wird. Dafür spricht sie mit anderen Samenspenderkindern wie Sven, der erst im Altern von 30 Jahren herausgefunden hat, dass sein Vater nicht sein biologischer Vater ist. Der, obwohl er den Weg, den seine Eltern gewählt haben, falsch findet, nämlich die Zeugung zu verheimlichen, selbst Samenspender für Cat und Danis Kind wird. Mit dem Unterschied, dass er im Leben dieses Kindes präsent ist, nicht anonym sein will und Teil der Familie wird.

Anders ist es bei Sandra und Anton. Sandra möchte keine Kinder, aber Anton unbedingt – jetzt soll er der Samenspender für das Kind eines befreundeten Paares werden. Anne vom Verein Spenderkinder spricht sich gegen den Weg aus, den Marina für Nelly gewählt hat. Denn für sie wird Marinas Tochter immer ein Kind eines Vaters sein, der sich niemals für sie interessieren wird.  Sie empfindet Marinas Entscheidung als eine egoistische. Eine Aussage mit der Marina sich in ihrem Film nicht nur oft selbst beschäftigt, sondern mit der sie auch permanent von außen konfrontiert wird.

Mit dem Egoismus-Vorwurf muss sich auch Eva-Maria auseinandersetzen. Seitdem sie ein Kind ist, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen, braucht einen Assistenten, der ihr alltäglich durchs Leben hilft. Von der Erfüllung des Kinderwunsches soll sie das aber nicht abhalten. Auch wenn die Familie und der Umkreis an ihren Plänen zweifelt und sich immer wieder die Frage stellt, ob die Entscheidung wirklich die beste für das Kind ist – geht es für Eva-Maria nicht nur um die Mutterschaft, sondern auch um Selbstbestimmung. Ihr Körper soll ihr nicht den Traum einer eigenen Familie streitig machen. Der Regisseur Lukas Ladner übernimmt in seinem Dokumentarfilm eine doppelte Rolle: Er ist Eva-Marias Assistent, hilft ihr beim Anziehen, Duschen, eben im Alltag. Gleichzeitig begleitet er ihren Weg zur Mutterschaft und ist auch die ersten Jahre mit ihrem Sohn Ben-Fynn dabei. Seine Doppelrolle ermöglicht ihm eine angenehme Intimität, Eva-Maria vertraut ihm.

Während Lukas Ladner vor allem einen Prozess, einen Weg der Selbstbestimmung in seiner Dokumentation beobachtet und begleitet, nutzt Marina Belobrovaja ihren Film zur Selbstreflektion. Ihre Aufnahmen sind oft Videoanrufe mit ihrer Familie in Israel, die sie auf dem Weg von der Zeugung bis zum Großziehen von Tochter Nelly begleiten. Für ihre Eltern ist es nicht ungewöhnlich, dass Marina diesen Weg der Mutterschaft gewählt hat. In Israel findet Marina, sei die Unterstützung für alleinstehende Frauen, die einen Kinderwunsch haben, generell ausgeprägter. Frauen haben beispielsweise Zugriff auf eine Samenbank, bekommen finanzielle Unterstützung. Egal wie, sagt Marina, Hauptsache es gebe Nachwuchs. Durch ihre Auseinandersetzung mit den anderen Familienmodellen und Spenderkindern versucht Marina, selbst den besten Weg für ihre Tochter Nelly zu finden. Nellys Aufwachsen, ihre Schwierigkeiten im Alltag einer alleinerziehenden Mutter, die sie als „direkte Konsequenz ihres Alleingangs“ bezeichnet, sind dabei auch ein Teil ihrer Selbstreflektion.

Mit „Menschenskind!“ und „EVA-MARIA“ zeigt das Dok-Fest München zwei wichtige Beiträge zu der Frage, wie sich heutzutage das Modell Familie definiert und welche Wege der Mutterschaft dringend mehr Unterstützung und Anerkennung benötigen – lässt dabei aber nie unreflektiert, inwieweit ein Kinderwunsch generell ein egoistischer Wunsch ist. Ob dann nicht eigentlich alle Frauen Egoistinnen sind, die ein Kind in diese! Welt schicken.

 

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