Coole Haare und ein aufsässiges Herz

Die Netflix-Miniserie „Unorthodox“ erzählt atemberaubend von einer mutigen jungen Frau. Und sie macht einem internationalen Publikum die großartige israelische Schauspielerin Shira Haas bekannt.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Vor Esther Shapiro liegt ein Stoffpenis. Sie ist irritiert. Die junge Frau ist 18 Jahre alt,  gerade frisch verheiratet und sich nicht so ganz sicher, wie das gehen soll mit der heiligen Ehe. Eine Frau, etwas älter als Esther, kommt immer mal wieder vorbei, um sie aufzuklären. Oder besser gesagt: Um ihr zu helfen, möglichst schnell schwanger zu werden. „De Tacheles is zu aufbun a jiddische Stim – de wichtigste Sach.“

Esther, genannt Esty, ist in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in Williamsburg, New York, großgeworden. Sie hofft durch ihre Heirat auf ein besseres Leben –  sie wird enttäuscht. Nichts ist besser, doch sie will es besser, weswegen sie sich entschließt, sich auf die Suche nach einem anderen, doch besseren Leben zu begeben. Mit Estys Flucht beginnt die neue Netflix-Miniserie „Unorthodox“. Vier Teile, jede Folge 50 Minuten kurz, allesamt großartig geschrieben, gespielt und inszeniert.

„Unorthodox“ basiert auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Deborah Feldman. Sie hat die Produktion von Anfang an mitbegleitet. Ihre Geschichte wird aber nicht eins zu eins nacherzählt, sondern leicht abgewandelt. So flieht die Serienfigur Esty nicht nach New York, sondern nach Berlin. Da viele junge israelische und amerikanische Juden nach Berlin ziehen, würde es einfach passen, die Handlung nach Berlin zu verlegen, sagt Feldman in einem Making-Of. Hier wohnt in der Serie Estys Mutter, die sich, als Esty klein war, ebenfalls von der Gemeinde abgewandt hat.

Dramaturgisch ist das von den beiden Drehbuchautorinnen und Produzentinnen Anna Winger („Deutschland 83“) und Alexa Karolinski sehr klug gemacht. Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in Rückblicken, und manchmal kann man nur an Estys Frisur erkennen, ob man sich jetzt vor der Hochzeit, nach der Hochzeit oder schon in Berlin befindet.

Das mag zwar etwas verwirrend sein, doch fordert es den Zuschauer in seinem Corona-Netflix-Siechen heraus. Man bleibt dran. Obwohl man weiß, dass die Ehe zwischen Esty und ihrem Ehemann Yanky scheitert, guckt man sich fasziniert die Hochzeitszeremonie an.

Die Bräuche der chassidistischen Gemeinde der Satmar, die sich vom Geschehen in New York abspaltet und nur Jiddisch spricht, sind heftig mitanzusehen. Die Satmar stammen ursprünglich aus Ungarn, nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten sie nach New York aus, die meisten sind Holocaust-Überlebende. Um die Bräuche korrekt darzustellen und Estys Welt vor ihrer Flucht gerecht zu werden, war das Filmteam in Williamsburg unterwegs, sprach mit Aussteiger*innen und berief sich vor allem auf Deborah Feldmanns Erinnerungen.

Besonders wichtig war Deborah Feldmann und der Regisseurin Maria Schrader, dass die beteiligten Schauspieler*innen selbst Juden sind. So ist Jeff Wilbusch, der in München an den Kammerspielen und am Residenztheater spielt, selbst aus einer chassidischen Gemeinde in Israel ausgestiegen.  In „Unorthodox“ spielt er Moishe, den gewieften Cousin von Estys Ehemann.

Die beiden Männer fliegen nach Berlin, um Esty zurückzuholen. Die Szenen in Berlin sind nervenaufreibend und spannend. Doch es ist vor allem Estys altes Leben, das einem im Kopf bleibt.

Ganz besonders einprägsam ist eine Szene vor der Hochzeit: Estys zukünftige Schwiegermutter beäugt das siebzehnjährige Mädchen, während sie durch den Supermarkt schlendert. Das erinnert an eine Fleischbeschau, und Esty an ein kleines Modepüppchen, das versucht, möglichst anmutig durch das Geschäft zu staksen, um sich der neuen Familie zu präsentieren: Immer wieder hebt sie ihr Kinn, strafft die Schultern, schaut schüchtern nach unten.

Gespielt wird Esty von der israelischen Schauspielerin Shira Haas. Wenn man sich einen der vielen Gründe aussuchen müsste, diese Serie anzuschauen, dann ist Haas’ Schauspielleistung der wohl triftigste Grund. Der Vierundzwanzigjährigen gelingt etwas Seltenes: Glaubwürdigkeit! Sodass man fassungslos ist, dass es diese Esther Shapiro nicht im echten Leben geben soll. Mit ihrer zarten, zittrigen, aber gleichzeitig rauen und warmen Stimme. Den riesigen braunen Augen. Dem kahlgeschorenen Kopf.

In ultraorthodoxen jüdischen Gemeinden werden den Frauen überall auf der Welt nach der Hochzeit die Haare abrasiert, danach tragen sie Kopftücher oder Perücken. Als Esty nach Berlin kommt, heißt es in einem Club nur: „coole Haare“. In Berlin lernt sie einige Musikstudenten kennen, die sie mit an den Wannsee nehmen. Als alle sich ausziehen, um baden zu gehen, bleibt Esty am Ufer sitzen. Dann traut sie sich doch, in ihrem Rock und ihrer Bluse. Die Perücke nimmt sie ab – eine Befreiung.

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