Wir Wirtstiere

„In Zeiten der Ansteckung“: Paolo Giordano stellt in seinem Buch einen schlüssigen Zusammenhang her zwischen der Corona-Krise und unserem Lebensstil. Und er appelliert an unsere Schwarmintelligenz – ohne sich allzu viel Hoffnung zu machen.

Von Stefan Fischer

Von Stefan FischerVon Stefan Fischer

Stefan Fischer

Hat meistens Kopfhörer im Ohr, weil er ständig Hörspiele hört. Es sei denn, er sitzt im Kino oder Theater. Oder unterrichtet im Studiengang Theater-, Film- und Fernsehkritk. Ist dort auch für die meisten Publikationen verantwortlich. Außerdem Autor und Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Verhinderter Weinhändler.

Seine Gefühle kann Paolo Giordano nicht ausblenden. Daraus macht er auch keinen Hehl. Aber er besinnt sich darauf, dass er ein Verstandesmensch ist. Schließlich ist er Schriftsteller – sein Debütroman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von 2008 wurde ein Weltbestseller – und, was in diesem Zusammenhang noch bedeutsamer ist: Giordano ist Naturwissenschaftler, promoviert in Theoretischer Physik.

„Wir Autoren schreiben nicht, um Dinge zu lösen“, erklärt er eingangs seines Buches „In Zeiten der Ansteckung“ – „aber wir helfen den Menschen dabei nachzudenken“. Und in Situationen wie der aktuellen „ist es Teil der Lösung, klar zu denken“. Giordano hat ein Buch geschrieben über die Corona-Krise, zu einem Zeitpunkt, an dem sie vermutlich noch nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht hat. Geschweige denn überwunden ist.

Ein Aufsatz, ein Essay ist „In Zeiten der Ansteckung“, der genau in diese nähere Zukunft weist: Wenn es entweder erst richtig schlimm geworden oder aber die Menschheit noch einmal einigermaßen glimpflich davongekommen sein wird. Giordano weiß selbst, dass bei der Lektüre seines Textes „die Situation schon eine andere sein wird als während des Schreibens“. Es geht ihm aber auch gar nicht um die Aktualität der Ereignisse, mit der selbst die Onlinemedien mitunter kaum hinterherkommen. Paolo Giordano hat dieses Buch geschrieben, weil er sich nicht entgehen lassen wolle, „was diese Epidemie über uns selbst enthüllt“. Ist die Angst erst einmal überwunden, würde jede flüchtige Einsicht im Nu verfliegen. Dagegen schreibt er an. Vielleicht, so seine – zugegeben schwache Hoffnung – ändert sich ja doch etwas. Ändern die Menschen womöglich ihr Verhalten.

Das Coronavirus hat das andere große Thema dieses Jahres verdrängt: die ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Paolo Giordano denkt jedoch beides zusammen. Weil er einen Zusammenhang sieht zwischen der Lebensweise der Menschen im 21. Jahrhundert und der Ausbreitung von Pandemien und Epidemien in immer rascherer Folge. „Was mit Covid-19 geschieht, wird immer häufiger geschehen“, prognostiziert er. Und: Am Ursprung jeder Pandemie „stehen immer und in jedem Fall wir, mit all unseren Verhaltensweisen“.

Das Problem sei, dass wir über die Zukunft des Virus mehr wüssten als über seine Vergangenheit. Und dass es nicht allein darauf ankommt, dass Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse sammeln. Sondern dass die Allgemeinheit beginnt, die Zusammenhänge zu begreifen. Auch wenn sie sehr komplex sind. Beim Ozonloch hätte das noch geklappt, denn ein Loch könne sich jeder vorstellen, und der Verzicht auf FCKW sei leicht gefallen. Bei Covid-19 und anderen Viren-Epidemien sei das weitaus schwieriger. Grundsätzlich sei jedoch auf der Hand liegend: Die Abholzung der Wälder bringe uns in Kontakt mit Lebensräumen, in der unsere Anwesenheit nicht vorgesehen sei, so Giordano. Die rasante Auslöschung von Tierarten zwinge Mikroorganismen, sich andere Wirte zu suchen, auch das massenhafte Tiersterben durch verheerenden Brände in Australien. Auch die intensive Tierhaltung erzeuge unwillkürlich Kulturen, in denen buchstäblich alles gedeihe.

Es gibt also eine ganze Reihe von realen Szenarien, in denen „nie erfasst Mikroorganismen dringend einer neuen Heimat bedürfen“ könnten. „Und welches Siedlungsgebiet wäre besser als wir, die wir so viele sind und immer mehr werden?“ Und die wir so viel unterwegs sind.

Paolo Giordano skizziert kein Horrorszenario, sein Text ist nicht alarmistisch. Mit mathematischer Nüchternheit erklärt er Zusammenhänge, für die einem keine Gegenargumente einfallen.

Überdies gibt es einen schönen Gedanken, der dieses Buch durchzieht: Dass wir in der aktuellen Situation nur alle gemeinsam gegenseitig auf einander Obacht geben können, um sie zu überstehen. Dass trotz der aktuellen Vereinsamung, des Social Distancings, der Quarantäne-Bestimmungen sich die Menschheit wieder zu einem Organismus formt. Der gemeinsam das Virus bekämpft. Der versucht, versuchen muss, sich nicht als Ganzes infizieren zu lassen. Dies funktioniere nur, wenn die Menschen sich als diesen Organismus begreifen. Wenn überhaupt.

Denn Giordano reißt einen Gedanken an, der, als er „In Zeiten der Ansteckung“ geschrieben hat, noch ein theoretischer war. Aber für ihn, den Theoretiker, ein ganz realer. Pandemien sind berechenbar. Und am Ende der Rechnung, die Giordano aufmacht, steht eine große Zahl, an Infizierten, an Toten: Aktuell erreicht das Virus Afrika. Was es dort möglicherweise anrichtet, in den Slums und Townships, in Ländern, die keine nennenswerte Krankenversorgung haben, wird verheerend sein.

Europäer, Amerikaner, Chinesen haben es dort eingeschleppt. Anders als Ebola und HIV kommt Covid-19 von außen. Von uns. Es ist der Lebensstil der westlichen Welt, der die Pandemie verursacht. Noch gibt es Hoffnung, dass auch Afrika glimpflich davon kommt.

Für die Zukunft hat Paolo Giordano einen Rat: „In einem sind Viren besser als wir“, schreibt er am Ende seines Textes. „Sie können sehr schnell mutieren. Wir sollten von ihnen lernen.“

Paolo Giardano: „In Zeiten der Ansteckung“. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 80 Seiten. Das E-Book erscheint am 3. April (4,99 Euro), die Taschenbuch-Ausgabe am 21. April (8 Euro).

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