Das latente Bild einer Trennung

Französisches Theater beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater: Camille Dagen inszeniert Grenzen in „Durée d’exposition. un spectacle d'Animal Architecte“.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Der Rahmen ist das Entscheidende. Er limitiert das Geschehen und gibt das Mögliche vor. Jede Inszenierung hat ein begrenztes Spielfeld, abhängig von der Technik, den Mitwirkenden oder den finanziellen Möglichkeiten. So auch bei „Durée d’exposition. un spectacle d'Animal Architecte“. Bevor Thomas Mardell und Hélène Morelli mit ihrem Spiel beginnen, stellen sie die Rahmenbedingungen vor. Es ist der 27. April 2019, wir befinden uns in der Brienner Straße 50 in der kleinen Bühne des Volkstheaters München. Die große Bühne wäre zu groß gewesen, die kleine ist zu klein. Damit müsse man sich eben arrangieren. Die Requisiten passen dafür in eine Reisetasche, die sie leicht im Zug mitnehmen können. Mardell kann nicht singen, aber er führt vor, wie er seit einem Schlüsselbeinbruch mit einer Hand seine Schuhe binden kann. Und Morelli ist zwar Schauspielerin, kann aber nicht auf Befehl weinen.

Die Leichtigkeit und Gewitztheit, mit der zu Beginn in selbstverständlicher Offenheit die eigenen Grenzen dargelegt werden, zeigen sich auch im Verlauf der Aufführung, die ein nicht gerade leichtes Sujet verhandelt. Was heißt es, ein Bild einzufangen? Vom Augenblick des flüchtigen Moments, von den eigenen sich wandelnden Gefühlen, der gescheiterten Beziehung, vom Trennungsschmerz? Regisseurin Camille Dagen stellt zusammen mit ihrem Ensemble Animal Architecte keine einfachen Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt.

Als Leitmotiv dient die analoge Fotografie. Ist der Auslöser gedrückt, hat die chemische Oberfläche des Films mit dem Licht reagiert, entsteht das sogenannte latente Bild – nicht sichtbar, aber doch vorhanden auf dem Film. Es kommt darauf an, das Bild zu entwickeln. Nicht zu lange, nicht zu kurz. Jede Nuance verändert das Resultat. In zehn Schritten werden nach und nach die Schritte der Bildentstehung auf die Leinwand projiziert. Davor verhandeln Mardell und Morelli nonchalant und mit sichtlicher Spielfreude eine der universellsten Erfahrungen des Menschen: den Prozess der Trennung. Die Wut, die Trauer, der Schmerz, die Erinnerung – alles steckt im Prozess der Entwicklung. Welches Bild wird bleiben? Die philosophische und mitunter theoretische Thematik des Stücks wird gebrochen durch ein Sammelsurium von absurden, erheiternden und poetischen Momenten. Gleich einem Entwicklerbad wird sich eine Schüssel Wasser über den Kopf geschüttet, es wird im Scheinwerferlicht zu Celine Dions „My Heart Will Go On“ getanzt, es wird die Liebe bei Honoré de Balzac verhandelt: In Glitzergewand gehüllt singt Morelli laut schreiend, dass sie sich nicht mehr rasiert seit der Trennung. Und Zähneputzen mache auch keinen Sinn mehr. Für wen denn? Ernst und Witz liegen eng beieinander. Camille Dagen präsentiert Fragmente, die bei den Zuschauerinnen und Zuschauern Gefühle vermitteln: Was bedeutet Trennung?!

Dureé d’exposition bedeutet auf Deutsch Belichtungszeit. Es kann aber auch die Dauer der Vorstellung gemeint sein. Und so findet sich auch die Inszenierung in ihrem gesteckten Rahmen in einer Entwicklung. Was entsteht innerhalb des abgedunkelten Raums in einer bestimmten Zeit? Welches Bild bleibt davon zurück? Am Ende werden die Vorhänge aufgezogen, die Fenster geöffnet. Die Vorstellung ist vorbei. Belichtete Vorstellungszeit: 68 Minuten.

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