Hallo Klischee! Hallo Slapstick! Hallo Humor!

Temporeich, pointiert, böse: Nora Abdel-Maksoud ist mit der Zürcher Inszenierung ihres Textes „Café populaire“ zu Gast beim Feastival Radikal jung am Münchner Volkstheater.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Verdammt schwierig, so eine Komödie. Der Traum aller Autor*innen ist doch: Frech sein, ohne irgendwem auf den Schlips zu treten. Unterhaltsam sein, ohne Klischees zu bedienen. Witzig sein, aber bloß nicht zu witzig, man will ja ernst genommen werden. (Wenn man ehrlich ist, ist das nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich.) Die Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud macht in der Eröffnungsaufführung des Festivals Radikal jung auf der großen Bühne im Münchner Volkstheater genau das Gegenteil. Hallo Klischee! Hallo Slapstick! Und – es geht eben doch – Hallo Humor!

Der funktioniert am besten durch Übertreibung und Überraschung, und davon ist in „Café Populaire“ genug für alle da. Die Hauptfigur Svenja zum Beispiel ist eine politisch korrekte Möchtegern-Influencerin mit acht Followern, die eine Clownsausbildung in einem Hospiz macht und gerne das Gasthaus „Zur goldenen Möwe“  übernehmen würde. Krampfhaft lächelnd steht sie, in weiten Hosen und beigefarbener 60er-Jahre-Bluse, in dem rosa angestrahlten Bühnenschacht. „Café Populaire“ sieht aus wie ein Wes-Anderson-Film, inklusive der Lichtspielereien. Der Bühnenschacht erstrahlt mal in Rosa, mal in Blau, in gleißendem Weiß oder grellem Gelb.

Durch fahrbare Leisten lässt sich der Schacht in mehrere Räume aufteilen, was an ein Puppenhaus erinnert, in dessen Räumen die kleinen Figürchen wandeln. Minimalistisch ist die Bühne; und sie harmoniert wunderbar mit diesem Text. Abdel Maksouds beste Ausstattung ist dennoch ihre Sprache, die die Figürchen aus dem Schacht ins Volkstheater schleudern. Temporeich, pointiert, böse.

Denn die political correctness und der „Humornismus“ (eine Mischung aus Humanismus und Humor) von Klinikclown Svenja sind bald passé. Don, Svenjas Hirngespinst, eine Persönlichkeitsabspaltung, ein Alter Ego, gespielt von Marie Bonnet, macht ihr immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Ein lässiger Schlenker des Dons und schon brüllt Svenja touretteartig durch den Raum: „Du bist vielleicht blond, aber deine Extensions sind gelb!“, „Assi!“, „Halts Maul!“

Eva Bay als Svenja dabei zuzusehen, wie sie sich von der piepsig lieblichen Intellektuellen zur schimpfenden Assibraut entwickelt, immer wieder dagegen ankämpft und immer wieder, überrascht von sich selber, erschrickt, ist nicht nur komisch, sondern auch schauspielerisch virtuos.

Die Szenen zwischen dem Don und Svenja entwickeln dank der beiden Schauspielerinnen eine zischende Dynamik. Svenjas persönlicher Dienstleister Aram wird gespielt von Maximilian Kraus, in einem rosa Portierkostüm; für die marxistisch-leninistische Püppi, in weißem Rock hat sich die Regisseurin Simon Brusis ausgesucht. Wenn die beiden mit Svenja über die Zukunft des Gasthauses zur Möwe debattieren – soll aus dem Saal ein Kulturtreff oder Kita werden? – sind das die besten Momente der Aufführung.  

Man ertappt sich selbst in dieser Komödie, man erkennt sich in der pseudo-offenen Svenja man schluckt kurz, als der Don wissen will: „Wie viele deiner Freunde haben nicht studiert?“ Man lacht über Svenja, die sich bei einem hartgekochten Ei nur eines fragt: „Welche Güteklasse hat das Ei?“  Und man will nicht lachen, wenn Wortwitze wie „Mongocurry“ fallen.

„Cafe Populaire“ mag platt wirken und gewiss werden sehr bewusst Klischees bedient. Aber genau dadurch dekonstruiert Nora Abdel-Maksoud auch. Ihr Text offenbart, wie Humor funktioniert. Nora Abdel Maksoud zeigt, wie man Humor mit den geringsten Mitteln auf die Bühne bringt – auch wenn das nicht jeder lustig finden mag.

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