Ist Europa noch zu retten?

Die EU-Zombies sind los – Lucia Bihler inszeniert Robert Menasses „Die Hauptstadt“ am Schauspielhaus Wien, zu sehen beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Bleiche Gesichter, stark schwarz untermalte Augen, die Körper gekleidet in glänzenden Seidenanzügen. So staksen sie auf der Bühne nach vorne, nach hinten. Verrenken ihre Arme, verfallen in Zeitlupe, um sogleich im Zeitraffer ihren Tanz der Untoten fortzuführen. Dirigiert werden sie von einem in schwarz gehüllten Barkeeper. Die Zombies erstarren, das Licht wechselt von schummrig-rot zu fahl-blau, ehe der Spuk weitergeht. In der grün marmorierten Baratmosphäre gibt der Barman, sich mechanisch  bewegend und mit verzehrter Stimme, den Takt vor. Vorhang auf für ein kleines bisschen Horror-Show!

Die Regisseurin Lucia Bihler hat sich mit ihrer Inszenierung „Die Hauptstadt“, uraufgeführt im Schauspielhaus Wien, wahrlich keine einfache Aufgabe gemacht. Die gleichnamige, 450 Seiten starke Vorlage, Robert Menasses wuchtig detaillierter Europaroman, verästelt Dutzende skurrile Charaktere in ihrem Bürokraten-Dasein zu einem Episodenfeuerwerk über den Zustand der Europäischen Union. In Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Tobias Schuster, der für die Bühnenfassung verantwortlich ist, reduziert Bihler den Roman gekonnt zu einem Destillat aus manisch-verrückten Karrieristen.

In mattgoldenem Beamtenkostüm samt Rock und Schleife treibt Fenia Xenopoulou, gespielt von Sophia Löffler, ihre Männer an. Als Leiterin der prestigearmen Generaldirektion für Kultur strebt sie nach mehr. Im Handelsressort wäre sie sichtbar, könne sich beweisen bei den mächtigen Lenkern der EU-Kommission. Simon Bauer verausgabt sich als schwermütiger, schwitzender Martin Susman, der für Xenopoulou mit einer Feierlichkeit zum 50-jährigen Bestehen der Kommission die nötige „Visibility“ beschaffen soll. Die Idee: Als „Big Jubilee Project“ Auschwitz-Überlebende auftreten lassen. Denn: „Nie wieder Auschwitz!“. Und ohne Auschwitz gäbe es keine Europäische Union – als Mahnung an diese grausamste aller Menschenverbrechen. Mit Bardo Böhlefeld, dem allwissenden Barkeeper, der in seinem grandiosen Spiel als dysfunktionaler Mensch-Roboter die Figuren immer wieder zusammenführt, findet die Aufführung eine wunderbar düstere und bizarre Erzählweise. Leider verlieren sich die schräg-komischen Figuren im Laufe der Geschichte zunehmend in ihren Befindlichkeiten. So bleibt die Dramaturgie eine Verknappung des Romans ohne eigenen Nennwert.

Während die Buchvorlage mit einigen Kürzungen eins zu eins wiedergegeben wird, sind es das Bühnenbild von Josa Marx und die Musik von Jacob Suske, die der Geschichte eine eigene, unbehagliche, aber faszinierende Stoßrichtung geben. In der retrohaften Schummerkulisse lässt Jesse Inman Elvis in leicht echohaftem Gesang wiederauferstehen und das Knarzen und Rauschen melancholischer Vinyl- und Elektronikklänge durchzieht permanent die Aufführung. In der Musik schwingt das geisterhafte Wehklagen eines Europas mit, wie es nie war – oder noch nicht ist – und vielleicht nie wird. Als Sound einer vergessenen Zukunft, während die Zombies auf der Bühne dem technokratischen Diktat der Gegenwart gehorchen.

Spätestens wenn am Ende des Abends Sebastian Schindegger den liebevoll tollpatschigen Wirtschaftswissenschaftler Alois Erhart die vierte Wand durchbrechen und ein ermahnendes Plädoyer für ein nachnationales Europa halten lässt, ist der Geist Robert Menasses auf der Bühne allgegenwärtig. Ob Europa nach diesem obskur-witzigen Zombie-Walk zu retten ist?

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