Ich lache, also bin ich (klug)

Was hat Witz mit Intelliganz zun tun? Eine Annäherung an die Komödie.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Dass lachende Menschen gelegentlich glauben, besonders klug zu sein, lernt man im Theater. Eben noch scherzten Schauspieler auf der Bühne, jetzt hüstelt ein Zuschauer in Reihe 2 Mitte amüsiert in seine Faust, gerade laut genug, um den Rest im Saal wissen zu lassen, dass er verstanden hat. Sein Lachen ist Ausdruck seiner (eingebildeten) Intelligenz, die wortlose Reaktion auf einen in Worte verpackten und auf der Bühne gesprochenen Witz. Er ist mächtig stolz, dass er ihn entschlüsselt hat. Das ist wie bei kindischen Zweizeiler-Witzen. Lachen – oder zumindest müde lächeln – können diejenigen darüber, die zu ihrem – wenn auch schäbigen – Gehalt vorgedrungen sind. Und wer den Witz nicht verstanden hat, lacht manchmal trotzdem mit. Aus Verlegenheit. Man will ja nicht als Doofi wahrgenommen werden.

Im Theater ist es leicht, sich dabei zu ertappen, wie man einstimmt in das Lachen, in das Lachen der Vielen. In diesen Chorus der Humoristen, die sich ohne Worte allein durch ihre geöffneten Münder und die unkontrollierten Klänge aus den Tiefen ihres Zwerchfells verbrüdern mit dem Geschehen auf der Bühne. Lachen im Theater ist so performativ wie der Akt des Schauspiels selbst, eine physische Äußerung. Non-verbal, in der immer auch Handlung steckt. Lachen ist die Demonstration der Erkenntnis. Ich lache, also bin ich (klug).

Der Lachende aber kann immer nur so gescheit sein wie sein Erreger. Irgendjemand muss ihn ja überhaupt erst zum Lachen bringen. Irgendetwas muss die Synapsen kitzeln. Der Witz muss fruchten, und ob er fruchtet, hängt entweder vom Autor des Witzes ab oder von der performativen Kunst des Sprechenden.

Seit der Aufklärung und ganz besonders stark in der Romantik gilt der Witz als Talent für geistreiche Einfälle, als eine Weise der scharfsinnigen Welterfassung. Wo Fantasie und Urteilskraft sich berührten, so Novalis – Godfather of Romantic! – , entstehe Witz. Allein etymologisch hatte er wohl recht. Das Wort „Witz“ stammt von dem Althochdeutschen „wizzi“. Googlet man wizzi, ist der erste Treffer zwar ein Schweizer Hundesalon („Hier wird ihr kleiner oder großer Liebling gepflegt und nach Ihren Wünschen rausgeputzt“), was beim Anblick der kurzgeschorenen, speckig-glänzenden Dackel-Würstchen gar nicht mal so unwitzig ist, aber gräbt man tiefer, erfährt man doch irgendwann, dass wizzi für Verstand, Einsicht und Bewusstsein stand und immer noch steht. Friedrich Schlegel romantisierte den Witz noch schwülstiger als Novalis, schrieb davon, den „lieblichen Schein“ zu deuten und „Ernst aus dem Spiel“ zu machen, „so wirst du das Zentrum fassen und die verehrte Kunst in höherm Lichte wieder finden.“ Für Schlegel ist Witz also eine Weise, mit Ideen, Formen und Bildern zu spielen, sie miteinander zu mischen, zu verbinden.

Das war nicht immer so. In Frankreich, also in Paris, dem Epizentrum, der Keimzelle der Bourgeoisie, war Theater im 17. Jahrhundert eine von der Monarchie geförderte kulturelle Einrichtung. Sie sollte die Wert- und Ordnungsvorstellungen fördern, sich auf ein gesellschaftlich gehobenes, durch seine Bildung anspruchsvolles Publikum beziehen. Komödie? Das war eine Form für die niederen Ränge, für das einfache Volk, das die reine Unterhaltung, nicht die höhere Kunst rezipieren, nicht die subtile gesellschaftliche Relevanz innerhalb der Kunst zu finden vermochte. Wenn schon Komödie, dann sollte es bitte eine sein, die im gehobenen Milieu der Pariser Theatergänger spielte, so der damalige Zeitgeist. Und dann kamen sie auch, die scharfsinnigen Komödien und die Dramatiker, die sie schrieben. Corneille, Marivaux, vor allem aber Molière, der sich der Lust an der Sprachkomik hingab, eine Farce konzipierte im erlesenen Kreis des Adels und des Großbürgertums. Einer, der seine Figuren gegeneinander ausspielte und mindestens eine davon lächerlich machte: den schleimig-scheinheiligen Tartuffe, der in eine Adelsfamilie einzuheiraten gedenkt und am Ende bitterpeinlich als Aufschneider enttarnt wird; den eingebildeten Kranken, der überzeugt ist, bald zu sterben, obwohl ihm nichts fehlt. Molière hatte mit seinen Komödien den Anspruch, Menschen durch Unterhaltung zu verbessern. Eine fast schon moralische Ambition, die sich mit der aufklärerischen Vorstellung von Komödien deckt. In der Aufklärung galt Komik nämlich als ein Mittel zur bürgerlichen Erziehung und Selbstverständigung. Dramatiker und Dichtungstheoretiker Johann Christoph Gottsched verglich die Komödie mit der „Nachahmung einer lasterhaften Handlung, die durch ihr lächerliches Wesen den Zuschauer belustigen, aber auch zugleich erbauen kann.“

Gleichzeitig, als derber Antipol zur französischen Noblesse, wurzelte die Commedia dell’arte in Italien. Stegreifkomödie. Volkstheater. Schauspiel und Ensemble waren hier wichtiger als Text oder Autor, und die Zuschauer lehnten sich zurück und schätzten den Abend der reinen Unterhaltung ohne tieferen Sinn und Komplexität.

Und heute? Komödien sind rar auf den deutschen Theaterbühnen, sie zu schreiben ist die Königsklasse, sie zu inszenieren eine radikal besondere Kunstfertigkeit. Autoren möchten ihr Publikum zum Lachen bringen, aber niemals auf eine unintelligente Weise. Immer klug, immer clever, immer so, dass Erwartungen gebrochen werden, immer so, dass ein Mehr an Bedeutung hinter dem Wortwitz hervor blitzt. Immer so, dass der Zuschauer in Reihe 2 Mitte amüsiert in seine Faust hüstelt, gerade laut genug, um den Saal wissen zu lassen: Ich, nur Ich habe verstanden. Wizzi – c ’est moi!

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