Ein vermaledeites Europa

„Dritte Republik“ – eine spannende Dystopie von Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Zigarettenqualm mischt sich mit Kunstnebel, als Barbara Nüsse in ihrem schwarzen Anzug auf die Bühne schlurft, sich eine Kippe anzündet und mit Reibeisenstimme verkündet, dass sie hier sei, um das „beschissene Land, das vermaledeite“ neu zu vermessen. Dieses Land, von dem nicht klar ist, welches es ist. Das Land, das auf der Großen Bühne des Münchner Volkstheaters kahl und leer aussieht, mit nichts als einer Windmaschine, die den Nebel wie Schneegestöber durch die Luft wirbelt. Schwere mehlweiße Vorhänge verdecken die Sicht auf die Hinterbühne.

In „Dritte Republik“, der Inszenierung von Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach vom Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße, ist Barbara Nüsse eine namenlose Landvermesserin, die hier ist, um die Ländergrenzen nach Ende des Ersten Weltkrieges neu zu definieren, wenngleich der unaufhörlich fallende „Scheißschnee“ – die von der Windmaschine aufgestobene Nebelflut – es ihr unmöglich macht, dies zu tun.

Es ist 1918, der Beginn der Weimarer Republik. Ein Jahr des Umbruchs, in das Köck, ein mehrfach ausgezeichneter junger Dramatiker aus Oberösterreich, die Handlung versetzt. Er wählt eine Vergangenheit, in der Menschen hoffnungsvoll versucht haben, eine Demokratie zu erarbeiten und nicht geahnt haben, bald schon wieder in einer Diktatur zu landen. Eine Vergangenheit, in der Menschen den Krieg, die gefallenen Männer im Schützengraben, die Toten und Verletzten zu vergessen versucht haben, die – vor allem männliche – Aggression unterbinden wollten, mit der nationale Identität und Nationalstolz verteidigt worden waren.

Thomas Köck erzählt aber nicht nur von Vergangenem, sondern nutzt es, um die Gegenwart zu reflektieren und zugleich eine Zukunftsdystopie zu provozieren. Denn seine Landvermesserin trifft in dieser Geschichte, die verblüffend dem obsessiven Irrweg von K. in Kafkas „Das Schloss“ gleicht, auf eine Handvoll verwirrter Kriegsversehrter,  -rückkehrer und -opfer, auf umherirrende Phantomgestalten, lemurenähnlichen Widergängern, deren Worte auf das Hier und Heute, auf das Gestern und Vergessene, auf das in Zukunft Denkbare und Schauerliche verweisen.

Ist es nicht so, dass einige Länder der Gegenwart bereits begonnen haben, wieder gefährlich national-autoritär zu denken? Italien? Ungarn? USA? Türkei? „Der Krieg reißt ein Loch in die Zeit, durch das er an anderer Stelle wieder aufkreuzt.“ Eine Frau, die mit verbundenen Augen aus den weißen Vorhängen auftaucht, der Stoff hat sich zu einem Fallschirm aufgeplustert, sagt diesen fürchterlichen Satz. Sie ist eine vom Himmel Gefallene, die „genug gesehen hat, um zu wissen, was kommt“, wie sie mit österreichischem Dialekt resigniert verkündet. Die Frau gleicht Richard Wagners Nornen.

Und dann ist da der Kutscher, den Björn Meyer so liebevoll aufmüpfig und frotzelnd spielt, so stämmig wie ein Baum neben der androgynen Barbara Nüsse. In einem letzten Abgesang, kurz bevor ihn die Kugel eines kleinen Männleins trifft, singt, nein: schreit er ins Mikrofon, der Kopf ist gefährlich rot angelaufen, als müsste er in der nächsten Minute platzen: „Sagt mir, wo die Männer sind.“ Es sind die mächtigen Männer dieser Welt, die für Krieg und Machtdemonstration verantwortlich waren und sind, und es sind die Männer dieser Welt, die reihenweise wegstarben, weil ihr Geschlecht sie in die Kämpfe schickte.

Der Text von Thomas Köck ist vorwurfsvoll, ein Konvolut warnender Gedanken. Der Autor entwirft den Schauer eines „Slimfit-State“, er prangert das sture Ermessen der Staaten an, Grenzen zu setzen, Nationen zu trennen, sich einzuigeln in einer Blase des Nationalstolzes und der Angst vor Überfremdung. Schön ist Köcks Text trotz der Endzeitstimmung. Ein metaphorisch erhobener Zeigefinger. Keine plumpe Demo. Die Worte, die Assoziationen, die Anspielungen an Texte von Franz Kafka und Paul Celan verhindern, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen abschweifen. Im Gegenteil: Sie werden (auf)gefordert, Angedeutetes zu dechiffrieren. Ein kluger Text, eine Inszenierung, reich an Ideen: Dieser Abend verstört – und dennoch kann man ihn genießen.

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