Die Gefahr im Nacken

„Operation Kamen“ von Florian Fischer mit einem brillanten Lukas Rüppel ist beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater zu sehen.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Die Kamera versucht die Bühne zu erkunden. Vorbei an Stellwänden, Scheinwerfern, Requisiten. Vorbei an Uniformen, Koffern, Akten. Vorbei an Schauspieler*innen, die ihren Text lernen. Eine Streichermelodie steigert den Suspense einer nicht enden wollenden Plansequenz. Black out. Lights on. Der Schauspieler Lukas Rüppel stolpert in einem schwarzen Bodysuit auf die Große Bühne des Münchner Volkstheaters.

Als solcher stellt er sich auch vor, heißt alle herzlich willkommen und erklärt den Zuschauer*innen, wie die Kopfhörer aufzusetzen sind („München hört links.“). Lukas Rüppel ist der einzige live spielende Darsteller in „Operation Kamen“ von Florian Fischer. Die anderen tauchen in Schwarz-Weiß-Videos auf einer Leinwand auf.

Es sind elf Dresdner Bürger*innen, die die Fluchtversuche von Oppositionellen aus der Tschechoslowakei um 1948 nachstellen. Zum einem erzählen die elf Darsteller*innen nüchtern und monoton in die Kamera – protokollartig. Zum anderen spielen sie die Ereignisse wie in einem dokumentarischen Reenactment nach. Es geht durch Straßen, Kneipen, Wälder und Hütten – bis sie in einem Grenzhäuschen landen, das mit US-Flagge und Truman-Foto, mit viel Whiskey und mit noch viel mehr Lucky Strikes ausgestattet ist. Alles schreit nach Amerika, doch alles ist Fake. Die Flüchtlinge werden von einem vermeintlich westlichen Beamten befragt oder eher verhört, in der Hoffnung, so ins Ausland zu kommen.

Lukas Rüppel spielt diesen zwielichtigen Beamten mit einem ungeheuer fiesen Theaterlächeln. Er redet auf ein schwarzes Kopfmodell mit Mikro ein. Die Akustik ist so präzise, dass man jedes eklige Schmatzen, jedes unheimliche Geflüster hört und glaubt, der Beamte sitzt einem im Nacken. Die Bedrohung wird so präsent, dass man dem Freiheitsversprechen sehr schnell nicht mehr traut.

Visuell traut man der Gehirnwäsche sowieso nicht. Regale mit Kleidungstücken, Taschen und Akten werden über die Bühne geschoben. Sind es Relikte oder Requisiten? Ziemlich überdeutlich weist Rüppel auf die simulative Situation hin: „Geschichte ist nicht in Stein gemeißelt. Damit kann man spielen.“

Mehr als 300 Fälle von solchen gescheiterten Fluchtversuchen sind anscheinend dokumentiert. Das Stück von Florian Fischer präsentiert nur eine kleine Auswahl, verzerrt, verkünstelt, und ist doch auf gewisse Weise wahr, weil der akustische Schrecken noch lange nachhallt. Das Knirschen der Kieselsteine, das Rascheln der Büsche, das Platschen im Fluss. Die naturalistische Geräuschkulisse der Flüchtenden lässt einen nicht mehr los. Nicht, wenn das Licht im Zuschauerraum angeht. Erst recht nicht nachts im Bett, wenn das Licht ausgeht.

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