Ich habe drei Mal „Hier!“ geschrien

Philipp Moschitz ist reinste Quirligkeit. Wenn er spricht, dann tut er dies wendig, lebhaft und blitzschnell. Genauso ist auch seine Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“. Anna Landefeld hat sich mit ihm über das rastlose und temporeiche Leben eines freiberuflichen Schauspielers und Regisseurs unterhalten.

Von Anna Landefeld

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Philipp Moschitz, wusstest du, was auf dich zukommt?

Philipp Moschitz: Ich wusste, dass es sauhart wird. Ich habe bereits als Schüler am Stadttheater Osnabrück kleinere Rollen gespielt. Ich wusste also, wie es am Theater zugeht.

Wie ging es denn bei dir in Osnabrück am Theater zu?

Ich habe während des Abiturs in sieben Produktionen parallel gespielt. Das sind etwa 100 Vorstellungen im Jahr. Sagen wir so, ich war 18 Jahre alt und habe meine Erfahrung gemacht. Als ich 2004 nach München kam, wusste ich, dass ich das so nicht mehr will.

Du hast dich bewusst gegen ein festes Engagement und für den Weg des freiberuflichen Schauspielers und Regisseurs entschieden. Du arbeitest viel – und das schon mehr als ein Jahrzehnt. Hast du dich jemals erschöpft?

Ich war nie erschöpft. Meine Arbeit ist meine Leidenschaft. Ich nenne das den Theaterinstinkt. Wenn du den hast, dann gehörst du auf die Bühne. Ich würde niemandem raten: Machhʼ das!, wenn er nicht dafür brennt. Sondern: Gehʼ  irgendwo anders hin. Hüpfʼ  woanders rum. Es gibt andere schöne Sachen, aber machʼ  bloß nicht Theater. Gehʼ , gehʼ  weg! Werdʼ  kein Theatertier!

Hast du in all den Jahren niemals selbst gedacht: Gehʼ , gehʼ  weg‘?

Rückblickend gab es auf meinem Weg auch viele schlechte Abbiegungen. Dann steht die Karriere-Ampel halt kurz auf Rot.

Wann denn zum Beispiel?

Vielleicht hast du ein Vorsprechen und wirst nicht genommen. Oder du bist auf einem Festival eingeladen und kriegst keinen Preis. Oder, oder. Es gibt immer 1000 Sachen, die immer wieder gegen diesen Beruf sprechen. Du musst lernen, mit Frustration umzugehen. Aber so ist nun mal der Job.

Ein Job, der dann womöglich noch schlecht bezahlt und zeitintensiv ist.

Ich habe sehr viele Jobs für sehr wenig Geld gemacht. Aber ich musste sie machen, einfach damit das Geld reinkommt. Und natürlich, das Zeitmanagement: Wenn du freiberuflich unterwegs bist, musst du in den sauren Apfel beißen. Da macht man schon mal drei tolle Projekte parallel. Heißt, in Süddeutschland spielst du, in Norddeutschland probst du als Regisseur.

Raus damit…

Es hilft ja nix: Ich kann halt auch noch verdammt gut singen. Die Musicalrollen kommen dann noch zusätzlich dazu. Nachts fährst du zwischen den Projekten hin und her. Mal hier, mal da.

Was lässt einen dabeibleiben, einmal vom leidenschaftlichen Brennen abgesehen?

Wenn ein Pferd an dir vorbeigaloppiert und du schnell genug bist, um aufzuspringen, dann reitest du weiter und dann reitest du gut.

Vor vier Jahren kam am Münchner Metropoltheater mit „DNA“ das Regie-Pferd an dir vorbeigaloppiert.

Da bin ich draufgehüpft.

Einfach so?

Nach meinem Schauspiel-Diplom 2008 hatte ich ziemlich schnell einen Job als Schauspiel- und Dialog-Coach bei „Marienhof“ und bei „Sturm der Liebe“. Das kennt man ja heutzutage gar nicht mehr, oder? Ich war jedenfalls da, um mit den Schauspielern die Drehbücher vorzubereiten, vor allem mit jungen Schauspielern ohne Ausbildung. Samstags, sonntags saßen die bei mir auf dem Sofa und wir haben die ganze Woche vorbereitet. Die drehen einfach fünf Drehbücher pro Woche, alle Szenen unchronologisch, wenig Zeit, 25 Minuten pro Szene. Da musst du schnell sagen können, was stimmt oder was stimmt nicht. Für mich war das eine super Vorstufe für meine eigene Regiearbeit. Ich habe einen schnelleren Blick bekommen.

Wie sieht denn eine Probe mit dem Regisseur Philipp Moschitz aus?

Gerade habe ich ihn Pforzheim den „Jedermann“ als Rock-Oper inszeniert. Ich wollte, dass die Leute gern auf Probe gehen. Ich mag keine Hierarchien. Alle, die auf dieser Bühne standen, waren wichtig: die zwölf Solisten, Orchester, Ballett, Chor, Extrachor, Kinderchor. Eine Probe ist ein Austausch. Zusammenfinden – und dann nehmen wir den Weg. Im Team entsteht viel, viel schneller Kreativität. Schneller, als wenn jemand sich allein durchsetzen möchte.

Gibt es Momente, in denen du Angst davor hast, dass es einmal auf diese Weise doch nicht funktioniert?

Natürlich habe ich immer mal wieder Angst. Da denke ich nur: Was kann ich denn noch tun?  An so einem Punkt lasse ich los. Wenn dann die Kritiken schlecht sind, dann müssen die Schauspieler dazu stehen und ihre Leistung verteidigen.

Als Regisseur ist man da ein bisschen raus, oder?

Als Regisseur gebe ich die Inszenierung mit der Generalprobe ab. Du hast dein Baby mit deinen Kollegen auf die Welt gebracht. Im besten Fall ist es bäm! und im schlechtesten Fall ist es halt, ja, kacke. Nächster Versuch.

Du versuchst als Regisseur vor allem Geschichten zu erzählen. Woher kommt dieser Drang?

Vielleicht auch daher, weil ich Schauspieler bin. Ich liebe es, über Figuren zu erzählen – am liebsten den ganzen Abend, in einem großen Bogen, in all ihren Facetten, mit all ihren Emotionen, Ideen. Ich hoffe immer, dass der Mensch da unten im Publikum Lust hat, die Schauspieler, die sich da gerade zur Verfügung stellen, auf einer Reise zu begleiten. Und ich hoffe immer, dass der Mensch da unten im Publikum unterhalten wird und bewegt ist. Wir müssen ankommen. Für mich ist das theatral das A und O.

Dir geht es also weniger um ein Konzept oder ein Thema, das du unbedingt auf die Bühne bringen willst. Wie haben du und „Um die Wette“ von Eugène Labiche dann zueinandergefunden?

Das Landestheater Niederösterreich und ich haben gemeinsam gesucht, nach etwas, was lange nicht gespielt wurde und ein bisschen unbekannter ist, etwas Extravagantes. Da kam „Um die Wette“ auf den Tisch, und ich dachte mir nur: Das ist ja total verstaubt! Wenn man sich dann aber länger mit einem Stück beschäftigt, kommen auf einmal die Fragen: Was will man damit erzählen? Was hat das mit uns zu tun? Das finde ich sehr schön.

Welche Geschichte wird erzählt?
Es geht um zwei Familien. Die Kinder lieben sich und wollen heiraten. Die Eltern schaukeln sich aber immer weiter gegenseitig hoch, weil sie denken, der andere sei besser und man müsse mithalten. Das Kleinbürgertum möchte auf einmal protzen. Dabei werden sie wirklich zu kleinen Idioten.

Ist das alles nicht etwas Überholtes – Familie, Kleinbürgertum, Heirat, Mitgift?

Natürlich ist es etwas Überholtes, aber in der Überhöhung ist das eigentlich ein Stück zum ‚Trumpismus‘. Du legst dir eine Fake-Identität zu und stellst fest, dass du mit Hochstapelei viel schneller zum Ziel kommst.

Muss man das auch als freiberuflicher Schauspieler und Regisseur?

Ich glaube, jeder protzt manchmal in seiner Vita, mit den Dingen, die er tut; indem man sich vermarktet, protzt man. Ach, ständig machen alle das doch, oder?

Liegst du manchmal abends im Bett und denkst, hoffentlich fällt dieser riesengroße Schwindel niemals jemandem auf?

Ich habe gerade in Hamburg im Musical „Catch Me If You Can“ die Leonardo-di-Capri-Rolle gespielt. Da kommt das auch vor. Nimmst du im Leben den moralischen oder gehst du den unmoralischen Weg? Wenn du den Weg der Lüge und des Protzes gehst, kommst du schneller voran. Es ist unfassbar, aber so ist unsere Zeit, unsere Generation. Das steckt genauso in Labiches „Um die Wette“, und das war im Jahr 1861.

Dein Jahr bestand aus 80 parallelen Vorstellungen als Schauspieler und fünf Inszenierungen als Regisseur. Wie schaffst du das?

Ich habe dreimal ‚Hier!‘ geschrien, als Energie verteilt wurde – und die muss raus. Der Fokus liegt sehr auf meinem Beruf. Ich identifiziere mich sehr über ihn, über meine Kunst, mein Schauspielerdasein, mein Regiedasein. Da kommen leider andere Sachen zu kurz. Gottseidank schlafe ich jetzt wieder öfter in meinem Bett. Da schlafe ich dann aber keine acht, sondern nur fünf Stunden.

Ist das der Hauch von einer Klage?

Das ist nicht kokett. Ich brauche das. Ich muss das so machen. Um Stand zu halten, musst du einfach weitermachen, weitergaloppieren, weil du eh keine andere Chance hast.

Wie kommst du runter?

Gar nicht.

 

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