Erobert endlich den virtuellen Raum!

Die Krise als Katalysator: Das Theater steht vor einer überfälligen Erneuerung – und bekommt jetzt die Chance dazu. Ein Kommentar.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Ein Gürteltier hat die Grundfesten der Theaterszene erschüttert. Auf die durch Corona bedingte Schließung von Kulturstätten reagierte der Theaterbetrieb erst mit Schockstarre, dann mit überstürztem Aktionismus. Das in wenigen Tagen auf die Beine gestellte Notprogramm im Webspace besteht meist aus provisorischen Livestreams von Schauspieler*innen im heimischen Wohnzimmern, Lesungen am Telefon und anderen verzweifelten Versuchen, aus der Not eine Tugend werden zu lassen. Nach den ersten Wochen haben viele Betriebe einen Schwebezustand irgendwo zwischen Youtube-Video, Telefonkonferenz und Aufzeichnungen aus der Konserve gefunden, in dem sie bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen ausharren wollen. Um danach zum Spielbetrieb vor Corona zurückzukehren: Denn soll das jetzt wirklich der Beginn eines neuen Zeitalters für das Theater sein?

Das Theater einfach nur per Stream verfügbar zu machen, reicht weder noch funktioniert es. Denn der Besuch einer Aufführung ist einmaliges, unmittelbares und temporäres Erlebnis. Ohne reale körperliche Präsenz fehlt ihm etwas, was ihn wesentlich ausmacht – Theater ist niemals distanziert.

Bei seinem Aufbruch in die Virtualität muss sich das Theater deshalb neu erfinden. Was es jetzt braucht, sind visionäre Künstler, die den virtuellen Raum als erweiterte Spielfläche denken können. Die Gattungen schaffen, die Möglichkeiten ausschöpfen und das Erlebnis Theater im Internet nachvollziehbar machen. Die zum Beispiel die Chance erkennen, die in einem globalisierten Zusammenarbeiten über Theater-, Städte- oder Landesgrenzen hinweg steckt. Das Theater muss sich öffnen und Künstler mit Expertisen aus multimedialen Bereichen hineinlassen, um ein zweites Standbein in ortsunabhängigen Bereichen aufzubauen. Wenn Kunst gerade jetzt eines sein sollte, dann Freigeistigkeit und Innovation.

Die Krise kann das (längst überfällige) Startsignal dafür sein, endlich andere Wege zu gehen, auf denen sich mit ziemlicher Sicherheit auch neue Zuschauerschichten und finanzielles Potenzial finden lässt. Das Theater darf sich dabei nur nicht selbst zum Me-too-Produkt etablierter Formate degradieren. Da kann es einfach mehr.

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