Wen oder was suchst du?

Das theaterübergreifende Online-Projekt „Zeitfuereinander“ geht mit mehr Zeit in die zweite Runde. Doch nicht jedes Pärchen nutzt die Chance, die zehn Minuten Gesprächszeit zu bieten haben.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Cube-Rad hinten links, schwarze Gitarre hinten rechts – Torro ist sportlich. Und musikalisch.    

Er will, dass dies auf den ersten Blick klar wird. Zeit ist schließlich kostbar beim Speed-Dating, ein strategisches Vorgehen kann da nicht schaden.

Im theaterübergreifenden Online-Projekt „Zeitfuereinander“ daten sich junge Großstädter krisenkompatibel per Videochat. Fünf Frauen, vier Männer (aus Berlin) und Karsten (systemfehlerbedingt aus München) begeben sich im virtuellen Raum auf die Suche nach dem, was fehlt in ihrem Leben. In der ersten Runde geht’s zackzack zeitoptimiert zur Sache. Fünf Minuten pro Pärchen: Torro trifft in einer knappen halben Stunde nacheinander auf Emma, Maike, Miroslava, Mascha und Collette. Das pixelige Bild der Laptopkamera fängt ein, wie Basisinformationen („Was machst du sonst so, wenn du nicht Speed-datest?“) ausgetauscht, nonverbale Signale gesendet (Bauch rein, Brust raus) und Dating-Fragebögen abgearbeitet werden.

Emma (Franziska Machens) und Karsten (Tjark Bernau) gehören beispielsweise zu den pragmatischen Typen, schreiben mit, notieren Details, verschaffen sich erst mal einen Überblick. Colette (Nikola Lenk) schaltet routiniert in den Flirtmodus, spielt kokett mit den um sie herum drapierten Kuscheltieren und wickelt um den Finger, wer darauf steht. Den Regisseur Tobias (Camill Jammal) zum Beispiel, der wiederum von Gespräch zu Gespräch mehr Kleidung ablegt und am Ende oben ohne vor der Kamera sitzt – Miroslava (Lisa Hrdina), die ohnehin auf der Suche nach einer rein körperlichen Beziehung ist, gefällt’s.

Je mehr Zündstoff aufeinandertreffende Charaktere und Lebensentwürfe bieten, desto spannender ist das Zuschauen. Auf wen sie treffen werden, wussten auch die Schauspieler nicht, denn „Zeitfuereinander“ ist Improvisationstheater vor der heimischen Laptopkamera. Unter behutsamer Anleitung von Anne Lenk, Hausregisseurin des Nürnberger Staatstheaters, entwickelten die Darsteller*innen fiktive Persönlichkeiten mit Meinungen und Marotten, die trotz flimmernder Bildschirme authentisch wirken. Überhaupt macht der Rahmen einer virtuellen Datingplattform Sinn: Unvorteilhafte Kameraperspektiven, schlechte Tonqualität und unzuverlässige Internetverbindungen stören hier nicht, sondern gehören selbstverständlich zur Videotelefonie.

Camill Jammal, Ensemblemitglied am Residenztheater München, und Anne Lenk haben das Schauspiel geschickt in ein Format gegossen, das natürlicherweise ins Internet gehört. Und gleichzeitig haben sie in der Krise Kooperationen geschaffen, die zuvor nicht da waren: Fünf Theaterhäuser sind am Projekt beteiligt, eine gemeinsame Kommunikationsplattform verbindet deren Presseabteilungen städteübergreifend und sorgt für wertvollen Austausch untereinander – Isolation sieht anders aus.

Zurück zur Inszenierung. Zweite Runde, mehr Zeit für alle: Zehn Minuten werden denjenigen Pärchen zugebilligt, die sich für ein weiteres Treffen entschieden haben. Wo bei den einen der Funke überspringt, entlädt sich bei den anderen das Unverständnis über unkonventionelle Lebensentwürfe in streitbarem Donnerwetter. Alexander Khuon als Immobilienmakler Steven steigert sich leidenschaftlich hinein in eine Tirade über Partnerschaft, Familie und wahre Liebe, als Emma ihn fragt, ob er denn nicht der biologische Vater ihres Kindes werden wolle. Für mehr braucht sie ihn nicht: Als Inhaberin eines kleinen Cashmerelabels ist sie finanziell unabhängig und außerdem lebt sie in einer glücklichen Partnerschaft. Nur der Mann an ihrer Seite hat als dreifacher Vater keinen Bock auf weiteren Familienzuwachs – aber nichts dagegen, wenn Emma sich anderweitig umschaut. Auch Beziehungscoach Meike (Britta Hammelstein) und der ewig promovierende Biologe Jens-Hinnerk (Philippe Goos) gehen das Thema Elternschaft unkonventionell an: Meike ist nach einer künstlichen Befruchtung schwanger und sucht einen Mann, der der dazugehörige Vater sein will, sich aber ansonsten aus ihrem Privatleben heraushält. Hinnerk ist interessiert, denn einer verbindlichen Beziehung zu einer Partnerin steht er ohnehin skeptisch gegenüber. So plätschert das Gespräch im gegenseitigen Einvernehmen dahin, was zehn Minuten recht lang werden lässt.

Überhaupt kann der zweite Teil nicht immer einhalten, was er verspricht. Mehr Zeit für Gespräche bedeutet nun mal nicht zwingend mehr Sinnhaftigkeit und Ernst. Findet man die Figuren sympathisch, ist es lediglich ganz nett zu erfahren, wie es weitergeht. Doch lassen sich kantige Typen wie die aufgrund einer Autoimmunerkrankung seit Jahren ans Haus gefesselte Miroslava und der schrullige HNO-Arzt Karsten aufeinander ein, entspringt dem ein toll rhythmisierter, witzig-origineller Dialog mit hohem Unterhaltungswert.

Am Ende bleibt offen, was als Nächstes kommt. Haben die ersten zart geknüpften Bande in der realen Welt Bestand? Reichen 15 Minuten Kennenlernen im Internet, um die Antennen richtig einzustellen? Oder gibt man im Schutz der Kamera sogar mehr von sich Preis, als man es bei einem persönlichen Treffen täte? Aus voyeuristischer Zuschauersicht verliert das Zuschauen seinen Reiz, sobald die Zeichen auf Happy End stehen: Von uns aus könnten die Pärchen also neu gemischt werden und alles wieder von vorne beginnen.

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