Herrlich albern

Endlich wieder Theater: „Das hässliche Universum“ von Laura Naumann, am Münchner Volkstheater inszeniert von Sapir Heller

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Häuser, Fabriken, Dokumente, Bücherregale, Teppiche. „Alles muss brennen!“, so sagt es Rosa. Im Videochat mit einer Million Menschen zündet jede_r etwas an. Eine neue Gesellschaft soll entstehen, für die das Alte in Brand gesetzt werden muss.

„Das hässliche universum“, von Laura Naumann: Das klingt wie eine todernste Sozialkritik in düsterem Ton, wird aber in der Regie von Sapir Heller zu einem Abend voller Quatsch und Spaß. Und damit liefert sie genau das, was man nach so langer Zeit ohne Theater gebraucht hat.

Rosa ist die Anführerin einer Bewegung, die sich über das Internet organisiert. Aber Rosa tritt selbst nicht auf. Stattdessen erzählen die vier Darsteller*innen von ihr, ihren Ideen, ihrer Vision. Dabei stimmen sie sich mal schüchtern lächelnd zu, nur um sich dann doch vollends zu widersprechen. „Das hast du sehr schön ausgedrückt. Aber eigentlich ist das genau das Gegenteil von dem, was Rosa eigentlich gesagt hat“, wirft Vincent Sauer als Freddie Mercury-Double ein.

Die Darsteller*innen unterbrechen einander – höflich, spielen sich die Bälle zu, korrigieren sich, werden euphorisch, stellen die eigenen Aussagen in Frage. Das ist ganz schön albern und macht ganz schön Spaß. Letztlich weiß man gar nicht mehr, was man über diese Rosa noch glauben kann.

Der Regisseurin Sapir Heller gelingt es, mit ihrem Ensemble sprachlich ein wundervolles Chaos und Durcheinander zu erzeugen – ganz im Kontrast zum schlichten Bühnenbild: ein wolkenhafter Leuchtbogen, darunter vier Bänke, Instrumente und Mikrofonständer, im Hintergrund in Leuchtschrift: „The Goodbye Show“. Durch die Handlungsstränge, die mit einem „Eins, Zwei, Drei, Vier...“ und einem einhergehenden Lichtwechsel immer wieder getauscht werden, setzt sich nach und nach ein verschwommenes Bild im Kopf des Zuschauers zusammen.

Die alleinerziehende Mutter Sahar hat das Programm für die Videokonferenz programmiert, aber ihre Kinder kriegt sie nicht dazu, die Hausaufgaben zu machen.

Das Sondereinsatzkommando stürmt die Wohnung und verlässt das Haus danach, vorbei am verdutzten Nachbarn. Jeder Polizist verabschiedet sich mit einem bayrischen: „Griaß di“. Ganz schön absurd, ganz schön lustig. Der Nachbar verliebt sich in Sahar. Zu Beginn fragt er sie aber schüchtern, ob ihr Mann vielleicht ein Terrorist sei. Dann ist da noch der „Engagierte Bürger mit A“, ein Instagram-Influencer der modernen Zeit, der das Geschehene aus seiner Sicht kommentiert. Eine Grabrednerin beschwert sich, eine Kanzlerin wird ermordet, Videos werden manipuliert, die Wahrheit wird in Frage gestellt, es wird gesungen, es wird getanzt.

Wer hier nicht immer folgen kann, der kann den Sitznachbarn oder die Sitznachbarin nur dann um Hilfe bitten, wenn er oder sie jemanden mitgebracht hat. Denn aufgrund der Corona-Regeln müssen die meisten Plätze frei bleiben. Trotz dieser ungewohnten Theatersituation gelingt es bemerkenswert gut, den entzerrten Zuschauerraum zum Lachen zu bringen.

Vor allem bei den vielen Songs und endlosen Aufzählungen können die Darsteller*innen all die Energie rauslassen, die sich in der Lockdown-Zeit ohne Aufführungen angestaut hat. Sie singen und schreien und singschreien. „WOOOOHOOOOO“, kreischt Anne Stein „Song 2“ von Blur als Dolly Parton-Double, randaliert, schmeißt Bänke um und liegt nach einem Ausflug ins Foyer komplett erschöpft auf der Bühne. Silas Breiding im Brad-Pit-Troya-Look klimpert verspielt auf dem Klavier herum und blickt verschmitzt zu den anderen, wie ein Kind, dem gerade etwas Freches eingefallen ist und das sich freut, das gleich zu teilen. Und Nina Steils schreit im Blumenkleid über die Bühne, was alles NICHT sicher ist: von Renten bis hin zu Fahrradhelmen – ganz schön bescheuert und ganz schön lustig. Die Aufzählungen sind manchmal zu lang, strapazieren die Geduld, aber werden vor allem durch starke Performances getragen.

Am Ende des Abends wird „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel in einer sanft balladigen Version angestimmt, Nebel flutet den Bühnenboden. Aus dem albernen Internethype wird mit immer euphorischer werdender Musik am Ende eine Bewegung, von der man irgendwie Teil sein möchte. Und dass alle Zuschauer*innen weit auseinandersitzen und die Darsteller*innen immer genügend Abstand halten müssen auf der Bühne? All das gerät irgendwie in Vergessenheit; und man denkt sich: Richtig schön, dass das Theater wieder da ist.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.